Gedenkgottesdienst in Rybojady/Hoffmannstal am 14. Juni 2015
8. Jahrestag der Gedenksteinweihe für die deutschen Toten

von Irmgard Gotzmann-Fietz

Es ist mir immer wieder ein wichtiges Anliegen, in der alten Heimat gemeinsam mit Deutschen und Polen unserer Toten zu gedenken. Seit der Weihe unseres Gedenksteines in Rybojady am 16. Juni 2007 findet jährlich auf dem katholischen Friedhof an der Straße zwischen Tirschtiegel/Trzciel und Betsche/Pszczew ein Gedenkgottesdienst statt.
8. Jahrestag Gedenksteinweihe für Hoffmannstal / Rybojady 2015
Mit Dietrich Radomski fuhren wir am Freitag mit der Bahn vom Berliner Hauptbahnhof mit Umsteigen in Frankfurt/Oder bis Bentschen /Zbaszyn. Dort erwartete uns schon mit einem großen Regenschirm Wojciech Derwich aus Meseritz/ Miedzyrzecz. Mit seinem Auto fuhren wir nach Naßlettel/Lutol Mokry zu Hubert Golek, wo wir seit vielen Jahren immer wieder gern unser Quartier beziehen.
Hüttners und Banges waren schon am Vortag eingetroffen und nahmen uns herzlich in Empfang. Der Begrüssungsabend und die folgenden waren bei ausgezeichnetem Essen sehr schön. Viele Erinnerungen wurden ausgetauscht und Fotos angeschaut.
Wir vermißten aber unseren Bruno Fietz, ebenso fehlten uns aus Krankheitsgründen Horst Dynio und seine Barbara. Sie mußten kurzfristig absagen.

Hier möchte ich erwähnen, als wir im letzten Jahr gemeinsam in Polen waren, erhielt Bruno die Nachricht von der großen Überschwemmung zu Hause in Deutschland. Er konnte nicht in sein Haus in Schönhausen an der Elbe zurück. Bruno wurde von Annegret und Hans-Georg Bange für zwei Wochen in Eickendorf/Sachsen-Anhalt aufgenommen. Am Sonnabend fuhr uns Hubert nach Rybojady zu unserer immer einsatzbereiten Kontaktperson Leonarda Blawuciak, die in der ehemaligen Schule wohnt. Nach einer herzlichen Begrüssung besprachen wir den Ablauf dieses Tages und die Vorbereitungen für den Gottesdienst. Aber, wie immer hatte unsere Leonarda alles gut organisiert.

Mit Dieter ging ich zum Friedhof und stellte Röschen an den Gedenkstein. Dann gingen wir meinen Schulweg an der kleinen Kapelle vorbei und links den Waldweg entlang, wo Schützen- und Laufgräben der Kampfhandlungen von 1945 nach 70 Jahren noch immer deutlich zu sehen sind. In den vergangenen Jahren sind wir immer mit dem Auto vorbeigefahren und nun stand ich davor. Als wir weiter gingen zu unserem Gehöft mit den vielen Ferienhäusern, kam uns schon Zbiqniew Mackowiak entgegen. Ich trug ein Glas Wasser und Röschen für meinen Vater Stefan Fietz und meinen Bruder Gerhard, die ich an das Metallkreuz im Wald stellte.
Ich freute mich, daß Mackowiaks aus Posen an diesem Wochenende in Rybojady waren. Wir wurden bei Kaffee und Kuchen sehr freundlich aufgenommen. Die Posener haben auf unserer Pferdekoppel gebaut.
Als wir uns vor vielen Jahren zum ersten Mal begegneten, schenkten sie mir eine Zehn-Reichspfennig- Münze von 1935, die sie beim Bau ihres Wochenendhäuschens dort gefunden hatten. Herr Mackowiak fuhr mit Leonarda, Dieter und mir nach Tirschtiegel/Trzciel, um für den Gedenkgottesdienst ein Blumengesteck zu kaufen. Mit der Bahn konnte ich ja nur die Schleifen mitbringen. Am Nachmittag trafen wir mit Magdalena und Nikolaus Reetz, die seit vielen Jahren ihr Quartier in Schierzighauland /Sierczynek haben, zusammen.
Gemeinsam gingen wir auf den Friedhof. Wir sahen, daß alles schön mit Blumen geschmückt war. Und daß der Friedhof so sauber war, dafür hatte unsere junge Freundin Ela Rychlewska gesorgt.
Um 18 Uhr kam Wojciech Derwich mit seinem Auto und holte uns zum Abendessen bei Hubert. Es war ein sehr schönes Beisammensein. Leonarda wollte schon etwas eher nach Hause, denn ihr taten die Beine weh. Hans-Georg Bange fuhr sie nach Rybojady. Mit Wojciech hatte wir noch jede Menge zu erzählen und viel Spaß.

Nach einem reichhaltigen Frühstück am Sonntag fuhren wir mit Hubert nach Rybojady zum Gedenkgottesdienst, den Pfarrer ks. Miroslaw Broza aus Tirschtiegel/Trzciel hielt. Den Text für das Totengedenken lasen Dietrich Radomski und Wojciech Derwich:

6. Jahrestag Gedenksteinweihe für Hoffmannstal / Rybojady 2013Liebe polnische Freunde, liebe Heimatfreunde! In Dankbarkeit sehen wir zurück auf den 16. Juni 2007, also auf die Zeit vor fast 8 Jahren, als hier auf dem schönen stillen Friedhof von Rybojady der Gedenkstein für unsere verstorbenen Landsleute geweiht worden ist. Daß es überhaupt dazu kam, haben wir vor allem der Initiative und dem großen persönlichen Einsatz unserer Heimatfreunde Irmgard Gotzmann-Fietz und Dr. Klaus Scheel zu danken, aber auch der Hilfe, die sie dazu von den polnischen Vertretern der katholischen Kirche und der Verwaltungsbehörden erhalten haben.

Besonders hilfreich war dabei auch, neben vielen anderen Einwohnern aus dieser schönen, naturnahen Gemeinde und ihrer Umgebung, die hier heimische Freundin Leonarda Blawuciak. Wir alle hoffen und wünschen, daß unsere Leonarda noch viele Jahre gesund bleibt und weiter segensreich tätig sein kann für gute deutsch-polnische Verbindungen.

Wir erinnern uns und gedenken unserer Toten, die noch in heimatlicher Erde bestattet wurden.
Wir gedenken der in den unseligen Kriegen gefallenen Väter, Männer, Brüder und Söhne.
Wir gedenken der Kinder, Frauen und Männer, die eines gewaltsamen Todes sterben mußten.
Wir gedenken der Menschen, die sich schützend vor Frauen und Kinder stellten und dafür ihr Leben lassen mußten.
Wir gedenken aller Menschen, die durch Flucht und Vertreibung ihr Leben verloren haben.
Wir gedenken der Menschen, die in Konzentrationslagern sterben mußten.
Wir gedenken unserer Heimatfreunde, die während der Heimattreffen unter uns waren und uns vorausgegangen sind in die ewige Heimat, die Ruhestatt bei Gott.

Besonders gedenken wir auch der erst kürzlich verstorbenen Heimatfreunde:
Im Alter von 92 Jahren starb in ihrem jetzigen Wohnort Lichtenberg im Frankenwald LIESELOTTE PETAU, geb. Wobschall aus Tirschtiegel/ Trzciel. Sie hat an vielen Heimatfahrten teilgenommen und war auch bei der Weihe unseres Gedenksteins hier in Rybojady mit dabei.
Im Alter von 85 Jahren verstarb in Berlin HERMANN BEHAM aus Meseritz/Miedzyrzecz, der ebenfalls an der Gedenksteinweihe hier in Rybojady teilnahm und sich an vielen Heimatfahrten beteiligte.
Im Alter von 78 Jahren starb SIEGFRIED KULKOWSKI aus der Familie Fietz. Auch er blieb seiner Heimat treu und besuchte mit seiner Ehefrau Johanna geb. Schild aus Kutschkau/ Chociszewo oft die Geburtsorte seiner Familienangehörigen und Vorfahren in Kutschkau, Schierzig / Siercz und Rybojadel / Hoffmannstal.
Gott schenke allen Verstorbenen die ewige Ruhe! Requiescant in pace! Sie mögen ruhen in Frieden.“

Im Pfarrhaus in Tirschtiegel fand später das Beisammensein deutscher und polnischer Teilnehmer statt. Vorher zeigte uns der Ortsvorstehen Jacek Marciniak voller Stolz den neuen Holzpavillion an der Straße neben dem kleinen Kiosk, den er gemeinsam mit seiner Frau Beata und ihrem Sohn errichtet hat. Die Inneneinrichtung ist sehr schön. Als er uns den großen Grill zeigte, sagte er: “Für Würschte!“ Da lachten wir alle. Daneben ist auch ein neuer Kinderspielplatz. Eigentlich könnten wir uns dort ja auch einmal treffen. Herzlich willkommen sind wir immer.

Im Pfarrhaus hatten inzwischen fleißige Frauen eine reichlich gedeckte Tafel vorbereitet und erwarteten uns. Sie servierten eine köstliche Spargelsuppe, Kaffee, leckeren Kuchen, Erfrischungsgetränke und Melonenstückchen. Es war eine herzliche und freundschaftliche Stimmung. Interessante Gespräche wurden geführt.
Pfarrer ks. Marian Kot CM, der am 16 Juni 2007 unseren Gedenkstein in Rybojady geweiht hatte, stattete uns einen kurzen Besuch ab. Er hatte wenig Zeit, weil er in sechs Wochen nach Krakau versetzt wird. Ich bekam Ansichtskarten und einen Kalender, wo das Septemberblatt unsere Kapelle in Rybojady mit Gedenkstein zeigt.

Mit Dietrich Radomski und Wojciech Derwich hatte wir noch ein Gespräch mit Verantwortlichen vom Haus der Kultur in Tirschtiegel/Trzciel bzgl. einer Tanzgruppe zur 65-Jahrfeier der Landsmannschaft Berlin-Mark Brandenburg im Oktober in Berlin. Ich erzählte den jungen Polinnen, warum wir unbedingt eine Tanzgruppe aus Trzciel haben wollten, denn unser langjähriger Betreuer für den Heimatkreis Meseritz in Berlin Kurt Schiller wurde 1920 in Tirschtiegel geboren und hat mehr als 25 Fahrten mit dem Bus in die alte Heimat gemacht.8. Jahrestag Gedenksteinweihe für Hoffmannstal / Rybojady 2015Und ich bin in Rybojady geboren. Das fanden sie sehr interessant. Wir freuten uns über diese Begegnung. Anschließend erfreuten wir uns am Kulturprogramm auf dem Festplatz anläßlich der Tirschtiegeler Tage. Hubert war nach Lutol Mokry gefahren, um sich auszuruhen. Um 17.30 Uhr kam er, um uns abzuholen. Gemeinsam betrachteten wir die gut gemachte Foto-Ausstellung mit vielen Schulklassen-Fotos, wo wir auch unsere Leonarda mit ihrer Schulklasse entdeckten. Hubert wollte noch gerne den Chor aus Groß Dammer/ Dabrowka Wielkopolska in seiner hübschen Tracht erleben, aber der Auftritt war schon vorbei. Er machte noch einen Rundgang und traf viele alte Bekannte.

Wir verbrachten bei Hubert und Familie einen schönen Abschiedsabend. Am Montag traten wir gleich nach dem guten Frühstück unsere Heimreise an. Mit Dieter Radomski fuhren wir mit der Bahn gemeinsam bis Berlin-Ostbahnhof.

Mein herzliches Dankeschön für die hilfreiche Unterstützung unserer gelungenen Begegnung in der alten Heimat an Leonarda Blawuciak, Wojciech Derwich, Dietrich Radomski und an meine Hoffmannstaler.