NACHRUF
Zum Gedenken an Leonhard von Kalckreuth


Leonhard v. Kalckreuth - 1930-2017 - Foto: Csaba Peter RakosczyAm 14. Juli 2017 starb in Bonn LEONHARD VON KALCKREUTH im 87. Lebensjahr. Er war seit dem Jahr 2000 Vorsitzender des Heimatkreises Meseritz e.V. und der Heimatkreisgemeinschaft Birnbaum. Die hier veröffentlichten Nachrufe sind z.T. Originalwortbeiträge, gehalten bei den Trauerfeierlichkeiten am 26. Juli 2017 in der Johanneskirche in Bonn Bad-Godesberg. Die Urnenbeisetzung findet am 14.10.2017 in Betsche/Pszczew statt.



Ansprachen bei der Trauerfeier für Leonhard v. Kalckreuth

Pfarrerin Antje v. Kalckreuth:


Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. (Offb. 2, 10)

Liebe Maria, liebe Diana, lieber Karl-Eduard, liebe Familie, liebe Freunde, viel haben wir in den vergangenen Wochen und Tagen gesprochen, überlegt, geplant für den Fall, daß...

Aber jetzt ist alles anders: Leo ist tot, sein Tod kam unerwartet, wenngleich wir ihn schließlich kommen sahen. Ein Mensch, den wir lieben und schätzen, dem wir einiges verdanken, ist nicht mehr da. Und dieser Verlust schmerzt. Für viele von uns, besonders und vor allem für Dich, Maria, wird der Schmerz noch lange erhalten bleiben und Begleiter sein.
Wir erinnern uns an Leo, an den gebildeten und charmanten und auf seine Art witzigen Gefährten mit seinen Prinzipien und seiner Gradlinigkeit, mit seiner unumstößlichen Liebe für die Seinen und nicht zuletzt an die tiefe Verbundenheit mit seiner Heimat Birnbaum und Meseritz.
Lange Jahre war er treuer und rühriger Verbandsvorsitzender des Familienverbandes, und immer wieder ist da wohl der Heimatkreis Meseritz zu nennen.

Sei getreu bis an den Tod, so...
Treue, seine besondere Art der Treue zu allen, die und allem, was Leo lieb und teuer war, zeichnet ihn aus. Leo wurde als Leonhard (und 3 weitere Namen) am 26. August 1930 in Meseritz-Obrawalde als ältester Sohn von 3 Geschwistern geboren. Seine ereignisreiche und auch manchmal entbehrungsreiche Kindheit bis zum Flüchtlingstreck 1945 hat er liebevoll, wenn nicht gar als glücklich, beschrieben – nicht zu vergessen 2 Jahre Ritterakademie in Brandenburg. Nach der Flucht fasste er in neuer Umgebung schnell Fuß, fand in Anne eine Begleiterin über viele Jahre und stand ihr bei bis zu ihrem Tod 2000.

Auch seinen Bruder Joachim und seine Halbschwester Charlotte mußte er viel zu früh verabschieden. Aber seine Liebe und Treue zu den wichtigen Dingen und Menschen in seinem Leben ließen ihn immer wieder Aufgaben finden, die ihm das Leben lebenswert machten. Seine Traditionsverbundenheit, der Heimat-kreis Meseritz, die Kalckreuths in Nah und Fern und die Fülle seiner Kontakte ließen ihm Arbeit und Mühe nie ausgehen. Nicht zuletzt die Begegnung und das Leben mit Dir, liebe Maria, bescherten ihm viele schöne Stunden und glückliche 16 Jahre… Leo wußte mit den Jungen umzugehen, obwohl ihm klar war, daß sie seine Ansichten nicht unbedingt teilten (er ihre auch nicht), aber das ist das Privileg der Jugend, und das wußte auch er. Dennoch konnte er mithalten: Körperlich topfit, Ski- und Wasserskifahrer sowie bewandert in der neuen Medienkultur ließ er es nie aus, die Verständigung zwischen den Völkern – namentlich der Polen und Deutschen – sowie zwischen den Generationen zu stärken, die Geschichte an den Mann und an die Frau zu bringen und konnte mit erstaunlicher Beharrlichkeit am Ball bleiben, was manchen vielleicht auch genervt haben mag. Aber wie bereits gesagt: Was Leo wichtig war, dem blieb er treu, und es war nicht zu überhören.

Sei getreu bis an den Tod, so...
Daß das Leben eine Krone trägt oder tragen soll, hat er, glaube ich, immer gewußt, und daß dies das Leben lebenswert macht, aber auch den Tode nicht scheuen läßt, hat er unverbrüchlich geglaubt. Und die Treue war seine Weise, das zu leben. Ich bin mir ziemlich sicher, daß er gerne noch hier geblieben wäre, bei Dir, liebe Maria, bei uns und in dieser Welt; Aufgaben gab und gibt es noch viele. Seine schwere Krankheit hat ihm niemand gewünscht, aber er hat sie getragen mit Geduld und in der Hoffnung, daß die Treue ihren Lohn findet und Leo seine Heimat bei Gott. Darum konnte er dieses Leben hier loslassen und sich jenem anderen zuwenden, das ihm und uns verheißen ist. Er verstarb am 14. Juli 2017, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben.

Tod, greiser Kapitän!
Zeit ist zum Ankerlichten!
Dies Land sind müde wir.
O Tod, in See hinein!
Dräun, schwarz wie Tinte,
Meer und Luft uns zu vernichten, -
Im Herzen, das du kennst,
strahlt doch ein lichter Schein!
Laß zu erneuter Kraft
dein eisig Gift uns trinken!
Wir wollen – uns verbrennt das Herz
in Glut und Graun –
tief in des Abgrunds Nacht,
ob Höll, ob Eden sinken,
Ins unbekannte Sein,
um Neues zu erschaun!

Leo konnte diese Übertragung Baudelaires von Wolf von Kalckreuth auswendig wie so vieles, und wir haben es uns manchmal gegenseitig rezitiert.

Sei getreu bis an den Tod, so...
Wir werden ihn vermissen – in Kleinigkeiten, im Alltag und auch in den großen Zusammenhängen. Besonders für Dich, liebe Maria, werden die nächsten Monate nicht leicht sein. Doch neben seinem Vermächtnis, daß Glück Glück genannt werden darf und Leid eine Aufgabe ist, steht uns Gottes Treue und Fürsorge zur Seite. Nichts von Leos Leben geht uns verloren. Und die Erinnerung bleibt uns und hält das Leben wach. Die Verbindung zu ihm ist da, dafür steht Gott mit seinem unverbrüchlichen Wort. Leos Asche wird in Birnbaum auf dem Friedhof neben der Kirche in Heimaterde bestattet – unweit einer Stele, die er für die vertriebenen Protestanten errichten ließ...

Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog
über die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.
(
J. Eichendorff)

Der Friede Gottes, der so viel höher ist als unsere
Gedanken verstehen, bewahre unsere Herzen und
Sinne in Ewigkeit. Amen

Gebet für Leo
Wir schauen zurück auf das Leben
von Leo v. Kalckreuth,
eine Landschaft, unübersehbar weit,
einsam und bunt belebt,
lieblich und wild,
unter strahlender Sonne
und dunkel in Nacht und Gewitter.
Wir sehen einen langen steigenden, fallenden,
schönen und schweren Weg
und den, der ihn gegangen ist:
den Mann und seine Frau, den Freund,
den Geselligen und den Einsamen.
Wir denken an seine Freude und an sein Leiden,
sein Arbeiten und Feiern,
seine Stärke und seine Schwächen, das Suchen
und Finden – ein reiches Leben.
Woher der Reichtum?
Seine Antwort: Alles Ist Gnade.
Wir sprechen sie nach, zögernd, vielleicht leise:
Alles ist Gnade.



Albrecht Fischer von Mollard:
Sehr verehrte Gräfin Vitzthum,
sehr verehrte Familie von Kalckreuth,
verehrte Trauergemeinde,

es sind gerade 3 Monate vergangen, seit der Heimatkreis Meseritz Joachim Schmidt, seinen Ehrenvorsitzenden und Herausgeber des Meseritzer Heimatgrußes aus dem benachbarten Troisdorf, verloren hat.
Damals war es der Vorsitzende des Vereins, Leonhard von Kalckreuth, der der Familie Schmidt sein Beileid und die aufrichtige Anteilnahme aller Heimatfreunde diesseits und jenseits der Oder aussprach und die Verdienste des Verstorbenen im und um den Heimatkreis würdigte.
Nur 12 Wochen später – es ist noch immer unfaßbar – wird der Heimatkreis Meseritz erneut von einem existenziellen Verlust getroffen: Leonhard von Kalckreuth, der 17 Jahre lang die Geschicke des Heimatkreis Meseritz e.V. und der mit ihm vereinigten Heimatkreisgemeinschaft Birnbaum mit sicherer Hand durch alle Höhen und Tiefen lenkte, ist in die Ewigkeit abberufen worden und hinterläßt eine Lücke, die zu schließen niemand in der Lage ist.
Als sein Stellvertreter möchte ich Ihnen, Gräfin Vitzthum und Familie von Kalckreuth, das tief empfundene Mitgefühl aller Heimatfreunde aus Ost und West zum Tode von Leonhard aussprechen. Mögen Sie die Kraft finden, den unermeßlichen Verlust zu ertragen und Trost erfahren in jener Zuversicht, die uns unser christlicher Glaube verheißt.
Leonhard von Kalckreuth wurde im September 2000 von Vorstand und Beirat des Vereins einstimmig zum Vorsitzenden des Heimatkreises gewählt, obwohl er damals bei den Meseritzer Heimatfreunden weitestgehend unbekannt war.
Er hatte seine Kindheit und frühe Jugend auf dem väterlichen Besitz in Muchocin bei Birnbaum verbracht, d.h. jenseits der nach dem Ersten Weltkrieg gezogenen deutsch-polnischen Grenze.

Dementsprechend engagierte er sich später in Vereinigungen und Verbänden, die sich den nach 1918 an Polen gefallenen Teilen der ehemaligen preußischen Provinz Posen in besonderer Weise verpflichtet fühlen.
So war er Mitglied in der Landsmannschaft Weichsel/Warthe e.V, - in der Kommission für die Geschichte der Deutschen in Polen e.V. - im Deutschen Geschichtsverein des Posener Landes e.V. und - in der Gemeinschaft Evangelischer Posener e.V.
Allein diese Aufzählung legt Zeugnis ab vom aktiven Engagement, das Leonhard seiner Heimat und ihrer Geschichte entgegenbrachte. Nach seiner Wahl zum Vorsitzenden des Heimatkreises Meseritz erklärte er damals in der ihm eigenen unmißverständlichen Wortwahl im Heimatgruß, unserer Vereinszeitschrift, seine Vision:

„Ich arbeite mit an dem langfristigen Ziel, eines Tages eine gemeinsame Plattform der Geschichtsbetrachtung mit den Polen zu erreichen. Daß die Polen noch lange nicht so weit sein können, liegt an ihrer jahrzehntelangen kommunistischen Indoktrination und der sie begleitenden Geschichtsfälschung.
Daß die Dinge aber in Bewegung gekommen sind, zeigt sich im Museum Meseritz, wo der deutschen Vergangenheit unseres Heimatraumes eine stetig größer werdende Bedeutung eingeräumt wird.“


Diese hohe Zielsetzung hat Leonhard von Kalckreuth während seiner 17-jährigen Tätigkeit als Vorsitzender des Heimatkreises nie aus den Augen verloren. Ihm ging es immer um die objektive, historische Wahrheit – auch und gerade dann, wenn sie für uns Deutsche beschämend ist. Sein engagiertes Wirken innerhalb des Vereins, aber auch nach außen bis nach Polen hinein, mögen einige Beispiele beschreiben: Nur wenige Monate im Amt, gab er gemeinsam mit der Redaktion dem Heimatgruß durch ein zeitgemäßes, leicht lesbares Layout und mehrfarbigem Offsetdruck ein neues, modernes Aussehen. Bis zur jüngsten Ausgabe vom Juni 2017 hat er sich an der Redaktionsarbeit beteiligt und allein ihm war jeweils die letzte Korrektur-Lesung vorbehalten - sogar noch im Krankenhaus!

Ebenfalls noch im ersten Jahr seiner Amtszeit vereinigte er die Heimatkreisgemeinschaft Birnbaum mit dem Heimatkreis Meseritz; damit – so könnte man es sehen – erfüllte sich konsequent eine wunderbare Prophetie, die ihm buchstäblich in die Wiege gelegt worden war und die er zeitlebens in sich trug: Seine frühe Jugend hatte er in Muchocin bei Birnbaum verbracht – geboren aber war er in Obrawalde bei Meseritz.
Der, seit dem Jahre 2002 vom Heimatkreis betriebene Internetauftritt »www.heimatkreis-meseritz.de« welcher in Fachkreisen hohe Anerkennung findet und unter vergleichbaren Vereinen seinesgleichen sucht, wurde maßgeblich von Leonhard projektiert und bis in die jüngste Vergangenheit inhaltlich betreut und ergänzt.
In den letzten 20 Jahren wurden in der Region Meseritz/Birnbaum zahlreiche zweisprachig gestaltete Gedenksteine aufgestellt, die an die deutsche Vergangenheit der Orte erinnern. Für ihn war es sicherlich eine ganz besondere Freude und Genugtuung, als er am 1. September 2013 eine Gedenktafel an der ehemaligen evangelischen Kirche in Birnbaum/ Lindenstadt mit einer auf Polnisch gehaltenen Ansprache dem Probst der Gemeinde Birnbaum übergeben konnte.
Es war die Idee Leonhards, das große maßstabsgetreue Modell, das die Stadt Meseritz vor dem zweiten Weltkrieg zeigt, aus der aufgelösten Heimatstube zusammen mit anderen Exponaten im Jahre 2010 dem Museum in Meseritz als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen.
Er brachte sich auch als kompetenter Reiseführer ein, als er vor einigen Jahren eine Delegation des Kreistages Paderborn unter Leitung des Landrats in das Gebiet der ehemaligen Kreise Meseritz, Birnbaum und Schwerin/Warthe begleitete, den Teilnehmern die Sehenswürdigkeiten der Region erklärte und sie dabei auch noch für die Schönheit der Landschaft begeisterte.
Das letzte große Projekt, mit dem er sich seit mehr als zwei Jahren befaßt hatte und das ihm besonders am Herzen lag, weil es um die wissenschaftliche Erfassung aller schriftlich vorhandenen Informationen über den Altkreis Meseritz geht, konnte er nicht mehr bis zum Ende begleiten. Die Aufnahme von rd. 9.500 Fundstellen in den digitalen Internet-Katalog der Martin-Opitz- Bibliothek Herne und damit die Übergabe des gesamten Wissens über unsere Heimatkreise an die nachfolgenden Generationen soll gegen Ende dieses Jahres erfolgen.

Lieber Leonhard, dieses anspruchsvolle Vorhaben, von Ihnen selbst initiiert, müssen wir nun ohne Ihre lenkende Hand allein zum Abschluss bringen. In den letzten Monaten mußte der Heimatkreis schmerzhaft erfahren, daß die vor ihm liegende Wegstrecke zunehmend schwieriger wird.
Umso mehr wird er Ihre umfangreichen Kenntnisse über die Heimatregion Meseritz/ Birnbaum vermissen - Ihre inspirierenden Ideen, Ihre Erfahrungen, Ihren Einsatz für die deutsch-polnische Aussöhnung, Ihr Engagement für den Heimatkreis Meseritz.
Ihre Verbundenheit mit dem Verein war so stark, daß Sie im Mai trotz durchfieberter Nacht die Fahrt zum Heimatkreistreffen in Perleberg unbedingt antreten wollten und erst durch einen Schwächeanfall am Frühstückstisch der Not gehorchend von Ihren Reiseplänen Abstand nahmen. All’ Ihre Gedanken, all’ Ihr Mühen galten bis zuletzt dem Heimatkreis.

Lieber Leonhard, wir sind Ihnen aus tiefstem Herzen dankbar für das, was Sie für den Heimatkreis, für die Heimatfreunde diesseits und jenseits der Oder, für unsere Heimatregion Meseritz/Birnbaum und für die deutsch-polnische Freundschaft getan haben.
In der Stunde des Abschieds sagen wir Ihnen mit Tränen in den Augen aufrichtig: „Vergelt’s Gott! - Sie werden für immer in unseren Herzen weiterleben.“





Wanda Strózczyñska: Zum Gedenken an den lieben Freund Leonhard v. Kalckreuth:

Wir erinnern uns: Leonhard von Kalckreuth wurde pensioniert. Die Grenze zwischen Polen und Deutschland war noch streng bewacht, doch unser Freund nahm alle Hindernisse mit Gelassenheit an und kam regelmäßig zu Besuch mit seiner Lebensgefährtin Maria Gräfin Vitzthum v. Eckstädt in die alte Heimat Meseritz/Birnbaum, nicht nur mit guten Worten, auch mit Sachspenden und grosszügigen Spenden.
Über viele Jahre unterstützte Leonhard v. Kalckreuth im Namen seiner Familie die ehemalige Kirche in Klemzig, die ab dem 13. Jahrhundert zum Pfarrsitz und ab Jahr 1576 durch die Tätigkeit des Schirmherren Gregor v. Kalckreuth Reformationskirche wurde.
Die Schirmherren der Kirche waren über Jahrhunderte Mitglieder der Familie v. Kalckreuth. Unter ihrer Initiative entstanden viele wertvolle Kunstwerke, Malereien, die die Gemeinde Klemzig und vielen Besuchern bis heute erfreuen und den Weg zum ewigen Leben weisen. Die kleine Kirche wurde vom polnischen Präsidenten zum historischen Architekturdenkmal erhoben.
Dank der Initiative von Leonhard v. Kalckreuth ist auch auf dem Gelände der ehemaligen evangelischen Kirche in der Lindenstraße in Birnbaum ein Gedenkstein in deutscher und polnischer Sprache gesetzt worden, gewidmet den ehemaligen Bewohnern Birnbaums.
Das Engagement für die alte Heimat, die vielen Freundschaften, die Leonhard v. Kalckreuth in den letzten Jahren in der alten Heimat geschlossen hat, bleiben in unserer Erinnerung und in unseren Herzen.

Ein letzter Gruß von den Mitgliedern der Reisegruppe aus der Prignitz.