Neubeginn westlich der Oder
von Herybert Schulz (Dipl. Ing. Wasserbau)

Herybert Schulz erzählt im ersten Teil einen geschichtlichen Abriss über sein Heimatdorf, Infrastruktur und Leben in der Region, seine Kindheit und über die Flucht 1945 aus Politzig. Hier vervollständigt er seine Erinnerungen; beginnend mit dem Wiedereinstieg in ein normales Leben in der Prignitz (Fotos: H. Schulz, Archiv HGr)


Mit der Heimkehr unseres Vaters waren wir nun vollzählig beisammen. Wir wohnten noch weiter alle im Haus von Frau Reibe. Im Herbst 1945 nahm die Schule in Wilmersdorf/Prignitz die Lehrtätigkeit auf und wir waren den Winter über versorgt. Es war eine schwere Zeit. Die Wohnverhältnisse waren sehr beengt, es fehlte an Kleidung und an Schuhwerk. Wie das alles so gelaufen ist, kann man heute gar nicht mehr nachvollziehen. Frau Reibe hatte dann auch drei Arbeitspferde gemietet, die mein Vater übernahm. Die Deputatfamilie Richard Schulz übernahm 1946 eine Siedlung im Ort und zog in das Bauernhaus Schlötke, der enteignet wurde. Bei Reibes war damit eine Wohnung frei. Wir zogen in das alte Haus und hatten jetzt ein Reich für uns. Ein kleiner Fortschritt. Mein Bruder war ja immer noch schulpflichtig und ging auch weiterhin nach Wilmersdorf.
Meine Eltern und ich waren bis 30. September 1947 bei Frau Reibe voll beschäftigt. Lohn bekamen wir nicht, dafür aber freies Wohnen und Verpflegung. Wir hatten noch etwas Geld und konnten hier und da auch mal etwas erwerben. Es wurde damals viel getauscht. Die Bauern hatten jährlich ein Kontingent von Fleisch, Milch, Eier, Hackfrüchten, Zuckerrüben und Getreide zu erfüllen. Je größer die Wirtschaft, je mehr mußte abgeliefert werden Wir haben niemals das Soll erfüllen können. Frau Reibe war eine alte Frau und nahm alles gelassen auf.
Ihr Mann war 1942 verstorben, der Sohn kurz vor Ende des Krieges vermißt – es war nicht einfach für die Frau. Sie hat oft gesagt: Nur gut, daß ich Euch habe. Neu-Krüssow war ein kleiner Ort mit 55 Einwohnern und einer Gemarkungsgröße von rund 600 ha. Nun waren wir 180 Einwohner und eine echte Gemeinschaft, alles fleißige, ehrliche Menschen aus allen Teilen unseres Vaterlandes. Sie bildeten in Kürze eine Dorfgemeinschaft, die sich sehen lassen konnte.
Nach der Bodenreform waren acht Bauern, elf Siedler und die restlichen Einwohner mit der Bewirtschaftung der Nutzflächen beschäftigt. Von ehemals 58 Zugpferden und drei Traktoren standen uns nur noch elf schwache Pferde und ein Lanz Bulldog zur Verfügung. Ein großer Teil an manueller Arbeit war zu erfüllen. In gemeinsamer Hilfe und Unterstützung haben wir alle Aufgaben erledigt.
Besonders in den Jahren 1946/47 mußte die Gemeinde, da wir unmittelbar an der Wittstocker Heide wohnten, umfangreiche Holzungsarbeiten und Holztransporte für die Russen leisten. Trotz des damals anhaltenden eisigen Winterwetters haben wir die uns gestellten Leistungen erfüllt. Alle Arbeiten wurden im Kollektiv erledigt. Frau Reibe hätte gern gesehen, wenn mein Vater die Wirtschaft auf Erbpacht übernommen hätte. Dafür hatten wir kein Gehör, denn es war doch damals schon vorauszusehen, daß der Bereich Landwirtschaft zu Kolchosen umgewandelt wird. Wir hatten für unsere Zukunft andere Vorstellungen.


Gründung eines Tiefbauunternehmens

Nachdem nun endgültig klar war, daß wir nicht mehr in unsere angestammte Heimat zurückkönnen, hatten sich mein Vater und Onkel Georg vorgenommen, eine Gewerbegenehmigung zu beantragen. Das Genehmigungsverfahren verlief verhältnismäßig schnell. Bereits am 01. 07. 1947 konnten wir mit den Arbeiten beginnen.

Das Unternehmen lief unter folgender Anschrift:

Tiefbauunternehmen
Friedrich und Georg Schulz
Neu – Krüssow, Ostprignitz

Frau Reibe hatte in der Zwischenzeit einen Pächter gefunden. Onkel Georg hatte mit sechs Arbeitskräften die erste Baustelle in Gramzow - Görike begonnen. Wir haben dem Pächter noch die Getreideernte einfahren helfen und uns danach auch am 01.10.1947 in das Baugeschehen gestürzt.
Wir hatten dann bald 25 Arbeitskräfte, wobei acht Kollegen aus der Politziger Firma stammten. Also gleich ein entsprechendes Stammpersonal. Mein Vater und Onkel Georg waren schon im Besitz eines Fahrrades, wobei ich alle Wege zu Fuß, per Anhalter oder mit der Eisenbahn bewältigen mußte.
Im Winter 1947/48 beschäftigten wir uns mit Waldarbeiten in den Forsten rund um Bölzke. Tägliche Wegestrecken von 15 km waren zu bewältigen. Dabei verschafften wir uns auch einen entsprechenden Brennholzvorrat. Kohlen waren ja damals immer noch sehr knapp.
Nach drei Jahren hatten wir uns in Neu-Krüssow gut eingelebt und den Ort als zweite Heimat betrachtet. Mein Vater war dabei als die Feuerwehr wieder aufgebaut wurde, er war sogar bis zum Umzug nach Buchholz deren Wehrleiter.
Auch in dem kleinen Dörfchen Neu-Krüssow verbesserten sich die Lebensverhältnisse und wir konnten eine andere Wohnung beziehen.
Wir blieben auf dem Hof, hatten aber ein neueres Haus, was auch der Frau Reibe gehörte. Auf Anweisung meines Vaters hatte ich ein Fernstudium in Dresden aufgenommen. Leider wurde die Einrichtung nach 15 Monaten wieder geschlossen. Als Sohn eines Unternehmers hatte ich zur Aufnahme des Direktstudiums keine Chance. Durch die Anleitung meines Vaters und Onkels war ich bereits in der Lage eine Baustelle zu leiten. Es gab dann eben keine Zeit mehr für ein Studium. Die Belegschaft war auf 50 Kollegen angewachsen, da war schon allerhand Organisation notwendig. Für die Beschaffung von Material und auch für die Transportkapazität mußte sehr viel Zeit und Ausdauer aufgebracht werden. Die meisten Baustellen waren in der Westprignitz.
Leider mußte Onkel Georg die Außenarbeiten aufgeben. Infolge eines Abszesses im Knie wurde sein Bein amputiert. Ein schwerwiegender Ausfall für das gesamte Betriebsgeschehen. Im Allgemeinen hat er alles gut überstanden, konnte betrieblicherseits aber nur noch für die Buchhaltung eingesetzt werden. Wöchentlich mußte ich nun zwei Tage die Büroarbeiten übernehmen. Kostenangebote und Rechnungen waren zu schreiben. Es kamen immer mehr Aufträge auf uns zu und damit selbstverständlich auch mehr Büroarbeiten. Neben dem bisherigen Wasserbau kamen verstärkt Maßnahmen im städtischen Tiefbau, Erschließung von Wohnungsbauvorhaben, Wasserversorgung und Betonbau dazu. Wir waren voll ausgelastet. Die Zuführung von technischem Gerät stand weiterhin in den Sternen. Von einem stillgelegten Torfstich kauften wir uns Feldbahnen (Loren und Schienen) und hatten damit die ersten Transportgeräte. Mit den damaligen ersten Landwirtschaftsbetrieben schlossen wir Vereinbarungen über Nutzung von Baggertechnik und Lkw-Kapazität ab. So hielten wir uns über Wasser. Während einer größeren Entwässerungsmaßnahme in Uenze bei Perleberg lernte ich meine zukünftige Frau Eva geb. Jahnke kennen.

Im Juni 1954 wurde geheiratet und ein neuer Lebensabschnitt begann. Damit waren auch wieder neue Probleme verbunden. Woher bekommen wir eine eigene Wohnung? Zu der damaligen Zeit war die Wohnungsbeschaffung noch ein großes Problem. Wir konnten uns aber glücklicherweise zwei Zimmer im Haus der Schwiegereltern einrichten und wohnten dort bis Juni 1960.
Mit Uenze hatten wir uns nun aber ein zweites Standbein unseres Betriebes geschaffen. Wir hatten dort einen Lagerplatz und sparten damit etliche Zeit und Wegestrecken. Auch hatten wir mit der LPG einen Vertrag über Lkw-Transportleistungen, was schon eine große Hilfe war. Also bringt so eine Heirat doch etwas ein. In den Uenzer Wäldern konnten wir unseren Bedarf an Faschinen (Reisiggeflecht für Uferbefestigungen) und Nutzholz für den Wasserbau abdecken.
Im Dorf selbst hatten wir 10 Arbeitskräfte wohnen, die dann in den Wintermonaten ihre Arbeit hatten. In Extremlagen wurde natürlich auch die sogenannte Schlechtwetterregelung in Anspruch genommen. Für den Neubau des Wasserwerkes Wittenberge haben wir die Herstellung der Träger für die Dachkonstruktion übernommen. Ein für uns völlig neues Gewerk. Der Bau steht heute noch. Es wurde schon etwas bewegt und wir waren alle mit Lust und Liebe dabei.
Leider ging die sozialistische Entwicklung der DDR nicht spurlos an uns vorbei. Auf Grund unserer Belegschaftsstärke von 70 Mitarbeitern wurden wir nun als Industriebetrieb geführt.
Ab Sommer 1958 übernahm das Finanzamt Pritzwalk die Rechnungsführung. Es war so, daß nach Auszahlung der Lohngelder, Bezahlung der offenen Rechnungen und der Steuer der Rest eingezogen wurde. Selbst mein Vater bekam keinen Pfennig mehr. Das Konto stand immer auf Null. Ein untragbarer Zustand! Wir sollten freiwillig in den volkseigenen Sektor überwechseln. Was blieb uns auch weiter übrig.

Mit drei weiteren Tiefbaufirmen gründeten wir unter Anleitung des Kreisbauamtes den VEB (K) Tiefbau Pritzwalk. Mit von der Partie waren die Firma Karl Will Pritzwalk und Anton Januczok aus Blumenthal. Karl Will wurde Betriebsleiter, mein Vater Technischer Leiter und Anton Januczok ging in den Ruhestand. Sein Sohn Walter Januczok und ich wurden als Bauleiter eingesetzt. Alle Meister und Vorarbeiter blieben auf ihren Posten. Die Gehälter verbesserten sich durchweg bei allen etwas.
Mit rund 130 Kollegen nahmen wir dann im Oktober 1958 die Arbeit auf. Alle vorhandenen Bauvorhaben wurden weitergeführt. Wir kamen nun auch an die entsprechende Technik, Transportkapazität und weitere Baumaschinen. Wir Bauleiter mußten zur Bauschule nach Blankenburg im Harz, wo wir zwei Winterhalbjahre direkt und einen Sommer extern »abritten«. Es war nicht so einfach, aber wir haben alles mit Erfolg geschafft. Persönlich habe ich in den fünf Jahren VEB noch sehr viel dazugelernt. Wir kamen nun an Bauvorhaben, die man uns als Privatbetrieb vorher nie übergeben hätte. Hierzu einige Beispiele: Erschließung von Industriebetrieben, Eisenbahnbau, Rohrbrückenfundamente bis 12 m Tiefe im Chemieprogramm Buna, Bauvorhaben der NVA, Straßenbauten usw..
Trotz allem war mein Steckenpferd der Wasserbau. Mein Vater wollte aber, daß ich noch bis zu seinem Rentenalter bei der Firma bleibe, den Wunsch habe ich ihm auch erfüllt. Aus unserer alten Belegschaft, es waren 15 – 18 Männer, habe ich mit Zustimmung des Kreises Perleberg noch eine kleine Scheinfirma gründen können.
Mit den Leuten führten wir kurzfristig Sondervorhaben außerhalb der regulären Arbeitszeit durch. Wie zum Beispiel: Beseitigung von Sturm- und Hochwasserschäden, Erdarbeiten in Bereichen, wo die Technik nicht eingesetzt werden konnte, Rohrbrüche in engen Gassen und vieles mehr. Wir waren eine gut
e Truppe und oft sehr gefragt. Allmählich aber lief das Unternehmen altershalber aus. Die Wasserwirtschaftsdirektion Magdeburg mußte den Posten des Flußmeisters in Perleberg bis 01.01. 1964 besetzen, für diese Planstelle habe ich mich beworben und erhielt auch den Zuschlag.

Weitere Höhepunkte innerhalb unserer Familie

Durch einen glücklichen Zufall erfuhr mein Vater im Sommer 1959, daß in Buchholz bei Pritzwalk ein Altbau mit 2.000 ha Gartenland zum Verkauf angeboten wird. Mein Vater nahm sofort die Verbindung zum Verkäufer auf. Es wurde Einigkeit erreicht und der Kaufvertrag abgeschlossen.
Nach notwendigen Renovierungsarbeiten konnten meine Eltern am 20. Oktober 1959 von Neu-Krüssow nach Buchholz in das eigene Haus einziehen. Nach einiger Zeit hatten sie sich dann auch in Buchholz eingelebt. Die Verbindung nach Neu-Krüssow wurde jedoch nicht aufgegeben.
In der Zwischenzeit hatten wir uns ebenfalls um eine Wohnung bemüht. Meine Familie hatte sich um drei Söhne vergrößert. Die Wohnung in Uenze wurde zu eng. So konnten wir im Juni 1960 eine Neubauwohnung in Wittenberge beziehen. Damit war ich auch günstiger an meine Dienststelle gerückt. Die Kinder konnten auch gleich hier zur Schule gehen.
Seit August 1964 war mein Vater Rentner und konnte nun auf dem großen Grundstück sein Rentnerleben auskosten. Ganz so konnte er sich nun auch wieder nicht zur Ruhe setzen, er hatte immer noch Verbindung zur Fachhochschule für Bauwesen in Potsdam. Jährlich von August bis September betreute er Studenten in der praktischen Ausbildung auf Baustellen. Er war immer mit großem Elan bei der Sache und hatte seine Freude an der Arbeit mit den jungen Menschen. Am 05.10.1966 fand diese Tätigkeit ein jähes Ende. Bei der Arbeitseinteilung am Morgen, es war noch fast dunkel, wurde mein Vater von einem betriebsfremden Dumper (Muldenkipper) überrollt. An den schweren Verletzungen starb er dann am 07.10.1966. Für uns alle ein großer Schock. Meine Mutter lebte nun mit dem Sohn allein in Buchholz weiter. Sie verstarb am 23.10.1974 ganz plötzlich an einem Schlaganfall. Beide fanden in Buchholz ihre letzte Ruhe. Obwohl sie sehr an unserer alten Heimat hingen, hatten sie nicht das Verlangen, nach Hause zu fahren. Onkel Georg war immer noch Bürgermeister in Beveringen, Alt-Krüssow und Streckenthin und hat das Rentenalter erreicht. Im Alter von 71 Jahren ist er am 09.07.1981 in Pritzwalk gestorben.
Die Arbeit bei der Wasserwirtschaft war mein Hobby. Es war nicht immer leicht die jeweiligen Probleme in den Griff zu bekommen, aber wir haben zusammen alles unter Dach und Fach gebracht. Ab 1968 war ich dann in der Staatlichen Gewässeraufsicht und wurde aufgefordert, ein Ingenieurstudium aufzunehmen. Fünf Jahre Fernstudium lagen nun vor mir. Wir waren zwei Kollegen und haben uns gegenseitig Mut gemacht. Es war nicht einfach, aber wir haben es geschafft. Die Arbeit in der Gewässeraufsicht setzte noch einen Fachingenieur voraus und so mußte ich noch zwei Jahre anhängen. Auch diese Aufgabe wurde geschafft und ich hatte den Fachingenieur in der Tasche. Innerhalb der Familie gab es neben der täglichen Arbeit auch noch Aufgaben. Nach dem Tod meiner Mutter wohnte mein Bruder allein auf dem Grundstück und wir mußten mithelfend uns für den wirtschaftlichen Bestand des Anwesens einsetzen. Bruder Dieter arbeitete auf Außenbaustellen und kam nur zum Wochenende heim.

Im Alter von 71 Jahren verstarb Onkel Georg und fand auf dem Friedhof in Pritzwalk seine letzte Ruhe. Bis auf Tante Ida war die elterliche Generation nun ausgestorben. Ein Großteil der Politziger Einwohner wurde im Kreis Pritzwalk seßhaft. Meine Eltern hielten zu einigen Familien aus Politzig immer noch einen guten Kontakt. Im Lauf der Zeit aber schränkten Altersgründe die Beziehungen ein. Bei den seltener werdenden Treffen der Politziger wurden immer wieder die alten Erinnerungen aufgefrischt.
Aus diesen Unterhaltungen habe ich viel Wissenswertes aufnehmen könen. Wenn wir heute durch unsere Heimat fahren, kann ich vieles davon zum Besten geben. Meine Eltern jedoch fanden leider nicht mehr den Weg nach Politzig oder Bauchwitz, an ihre Geburtsstätten. Mit meiner Tante Ida fuhren wir 1967 nach Birnbaum zu einem Onkel. Bei dieser Gelegenheit lernten meine Frau und auch unsere Jungen die Landschaft der alten Heimat kennen. Im Jahr 1974 wiederholten wir die Reise nach Politzig und nach Bauchwitz, dem Geburtsort meiner Mutter. Für mich waren die Heimatfahrten immer eine bewegende Angelegenheit. In der DDR war aus politischen Gründen das Thema Heimat und Vertreibung nicht erwünscht.


Die Wiedervereinigung Deutschlands

Entgegen den Vorstellungen unserer Regierung in der DDR und natürlich auch für uns Bürger sehr überraschend wurde am 09. 11. 1989 die Grenze zur Bundesrepublik geöffnet.
Ein echtes Wunder war geschehen!
Nach 28 Jahren Abriegelung von der westlichen Welt vollzog sich eine historische Wende. Natürlich brachte die Wende für viele Menschen auch schwere Verluste. Wirtschaftliche und kulturrelle Einrichtungen waren plötzlich geschlossen. Viele Menschen wurden arbeitslos. Auch meine Frau, Verkäuferin bei der HO, mußte in den Vorruhestand gehen. Zwei unserer Söhne mußten sich um eine neue Arbeitsstelle bemühen. Mein Ältester und auch ich durften im Staatlichen Amt weiterarbeiten. Es wurde alles umgestellt und nicht immer zum Vorteil der Wirtschaft. Das sollte auch an dieser Stelle einmal gesagt werden. Andererseits aber konnten wir uns auch entsprechend frei entfalten. Es war schon eine tolle Sache!V Für mich selbst war die Zeit der Wende bis hin zum Rentenalter 1996 sehr stressig. Der Kreis Perleberg kam nach der Volksabstimmung wieder zum Land Brandenburg. Wir mußten uns mit den Potsdamer Kollegen zusammenraufen. Obwohl man sich ja kannte, war es doch nicht so einfach. Als alter Hase und auch als ruhiger Vertreter kam ich mit allem doch gut zurecht.


Kontaktaufnahme mit unserem Heimatverein

Neubeginn westl. der OderDurch meine Tante aus Pritzwalk hatte ich bereits früher erfahren, daß es im Westen einen Heimatverein des Kreises Meseritz gibt, daß der Verein sehr aktiv ist und alle zwei Jahre in Paderborn ein Treffen durchführt. Bei uns in Perleberg wurde eine Geschäftsstelle des Bundes der Vertriebenen gegründet. In dieser Einrichtung wurde ich Mitglied. Ende 1991 rief der Heimatverein Meseritz alle ehemaligen Einwohner des Kreises Meseritz auf, sich in Rheinsberg einzufinden. Natürlich fuhren wir dorthin.
Viele ehemalige Verwandte und Freunde sahen sich nach 46 Jahren wieder. Welch ein Ereignis! Wir waren wohl weit über 40 Politziger. Für das nächste Treffen 1992 in Paderborn meldeten sich etliche Teilnehmer an. Frau Irmgard Porep aus Zielomischel (Wilhelmsthal) war die Frau, die hier bei uns in der Prignitz alles organisierte. Es fuhr dann auch ein voller Bus aus Perleberg nach Paderborn.
Neubeginn westl. der Oder Meine Frau und ich fuhren in unserem Auto mit zwei Tanten dorthin. Auch in Paderborn wieder eine umwerfende Freude, dieses Wiedersehen. Wir waren 30 Politziger am Tisch. Welch ein Ereignis! Wir waren wieder die alte Dorfgemeinschaft. Auch meine Frau, die ja damals keinen von uns kannte, war voller Begeisterung. Übrigens hat sich Eva stets mit großer Hingabe und Hilfsbereitschaft für unsere Sache eingesetzt. Von dieser Stelle aus möchte ich mich bei ihr vielmals bedanken. Nach 45 Jahren traf ich in Paderborn Alfred Behrens aus Lagowitz wieder. Wir waren von April 1945 bis Ende 1947 in Neu-Krüssow zusammen.


Erster Besuch der alten Heimat
Im Oktober 1994 bereitete Frau Porep ein Busreise in den ehemaligen Kreis Meseritz vor. Vier Tage hielten wir uns dort auf und konnten das Leben und Treiben in unserer angestammten Heimat ergründen. Auch konnten wir die Nachbarkreise Schwerin und Birnbaum in Augenschein nehmen. Alle Teilnehmer waren begeistert.
Auf der Heimfahrt war uns klar, daß wir im nächsten Jahr wieder eine Tour starten. Es war dann auch so gekommen. Nach mehreren Hotels und Notunterkünften haben wir das Hotel in Kainscht, im ehemaligen Regenwurmlager, als ständige Unterkunft auserkoren.
Infolge Krankheit hat Frau Porep die Vorbereitungen an mich übertragen. In der Zwischenzeit hatte ich das Rentenalter erreicht und konnte mich dann den Aufgaben widmen. Seit 2003 sind wir nun jährlich auf Achse. Terminlich sind die Reisen so gelegt, daß immer die zwei freien Arbeitstage der Woche in der Tour liegen. Allerdings ist die Anzahl der Teilnehmer geschrumpft. Von ehemals 50 Personen haben wir uns jetzt auf 40 Teilnehmer eingestellt.

In Meseritz hilft uns Hans Osinsky mit seinem Pkw auf den Strecken,wo der Bus nicht fahren kann. Gleichzeitig haben wir mit Hans auch einen Dolmetscher. Der erste und zweite Tag wird für die privaten Besuche der Heimatorte genutzt, wobei der Samstag zum Kennenlernen unserer so reizvollen Heimat und deren Städte und Dörfer zur Verfügung steht. Der Sonntag dient der Heimreise mit längerem Halt am Markt in Küstrin. Wenn wir dann am Sonntag vor der Verabschiedung stehen, wurde immer wieder der Wunsch einer nochmaligen Reise geäußert. Dazu muß auch noch gesagt werden, daß sich im Laufe der Jahre ein gewisser Stamm gebildet hat, der mir auch hilfreich zur Seite steht.
Auf diesem Wege bedanke ich mich bei allen Teilnehmern für das entgegengebrachte Vertrauen, die Unterstützung und die Einhaltung der Termine. Ein besonderer Dank gilt Heimatfreund Helmut Kahl aus Perleberg, der in Wort und Bild die einzelnen Reisen dokumentierte. Natürlich auch ein Dankeschön an unseren Busfahrer. Dank der umsichtigen Fahrweise sind wir immer wieder gut an unseren Zielen angekommen.
In den letzten Jahren waren erfreulicher Weise auch schon jüngere Leute unter den Fahrgästen. Es ist begrüssenswert, daß sich die Nachkommen für die Geburtsorte und Heimat der Vorfahren interessieren.
Es waren wunderbare Begebenheiten, die so manche Erinnerungen wach werden ließen. Die Heimat gemeinsam erleben ist eine hervorragende Sache.


Neubeginn westlich der OderDas heutige Dorf Politzig / Policko

Das ehemalige Straßendorf Politzig war eigentlich eines der attraktivsten Dörfer des Kreises Meseritz. Nach dem 2. Weltkrieg hat der Ort leider diesen Status verloren. Obwohl im Dorf direkt keine Kampfhandlungen stattfanden, sind die Gebäude in der Mitte des Dorfes beim Einzug der Russen angezündet worden. Bis auf 3 bis 4 Männer war die gesamte Bevölkerung am 29. 01. 45 um 14 Uhr mit einem Sonderzug geflüchtet.

Folgende Gehöfte wurden Opfer der Flammen:
Gaststätte und Landwirtschaft Hoffmann, Deputathaus des Gutes Rodatz 3 WE, Fleischerei und Landwirtschaft Knothe, Wohnhaus Ragnitz mit der Poststelle, zwei Wohnhäuser Rodatz des Gutes, Bauernhof Thiele, Wohnhaus Paul Schulz 2 WE, Verwaltungshaus des Gutes auf dem Hof. Im Februar/März das halbe Schloß. Am 13. März 1945 stand die Holzkirche plötzlich in Flammen.
Die Dorfmitte war damit ein Trümmerhaufen und das alte Dorfbild zerstört. Mein Großvater Paul Schulz ging Anfang Mai 1945 mit seiner Frau sowie der Tochter und zwei kleinen Kindern von Berlin in die Heimat zurück. Im Dorf waren noch drei Männer und Frau Heinze mit der Tochter Lieselotte und dem Opa. Am 26.06.1945 wurden alle Deutschen des Landes verwiesen.

Neubeginn westlich der Oder In Politzig fanden dann Menschen aus Ostpolen eine neue Heimat. Anläßlich unserer Besuche in Politzig stellten wir immer wieder fest, daß die heutigen Bewohner untereinander überhaupt keinen Kontakt pflegen. Versuche unsererseits mit den Leuten zu reden sind nie geglückt.
In den ersten Jahren wurde ein Teil der Ländereien durch ein Staatsgut bewirtschaftet. Alle Gebäude waren noch immer gut erhalten. Nach der Wende 1990 ruht nun aber alles. Der größte Teil der Ackerfläche ist aufgeforstet worden. Bis auf die Ackerflächen des Gutes am Kulkauer Weg liegt der Rest der Flächen brach. Wie überall in den Dörfern ist auch unser Friedhof total zerstört. Seit etlichen Jahren steht dort eine kleine Kirche. Die restlichen Wirtschaftsgebäude des Gutes sind dem Verfall preisgegeben.
Der wunderbare Gutspark ist zur Zeit eine Müllkippe. Es ist für uns ehemalige Bewohner sehr schmerzhaft, den Verfall des Dorfes zu erleben. Im Gegensatz zu den aufgeführten Mängeln haben einige Bürger doch noch die Initiative ergriffen und ihre Häuser modernisiert und instandgesetzt. Ein kleiner Funke der Hoffnung, hier doch noch eine Verbesserung zu erleben, wird sichtbar. Es sind sogar schon drei Neubauten entstanden. Wir wünschen den Leuten Kraft und Zuversicht für das weitere Leben.

Neubeginn westlich der Oder Auf unseren Reisen durch den Kreis stellen wir immer wieder fest, daß der dörfliche Charakter doch sehr unterschiedlich ist. Der südliche Bereich des Kreises hinterläßt einen guten Eindruck. Die Dörfer sind sauber und weisen eine gute Bausubstanz auf, die Felder sind bestellt und in bester Pflege. Wir freuen uns jedesmal über diesen Zustand. Natürlich sind hier die Bodenwertzahlen auch weitaus höher als in der waldreichen Gegend um Politzig.
Die neue Autobahn (bereits 1939 wurde hier schon der Mutterboden abgetragen, allerdings hat sich der Verlauf der Trasse etwas verschoben) paßt sehr gut in diese Landschaft.

Neubeginn westlich der Oder

Schlußbetrachtung

Persönlich habe ich in meinem Geburtsland nur 14 Jahre leben dürfen. Durch die beruflichen Gegebenheiten meiner Familie habe ich als Kind das Gebiet des Kreises Meseritz und auch darüber hinaus das weitere Umland kennengelernt. Durch die in der Folgezeit geführten Gespräche mit den Eltern und Verwandten wurden die Erinnerungen immer wieder aufgefrischt.
Daraus resultiert sicher meine Liebe zur Heimat.
Nach dem Ende des Krieges mußten wir uns in der Prignitz ein neues Heim schaffen. Es war nicht immer leicht für alle Betroffenen. Wir persönlich hatten mit der Einbürgerung in Neu-Krüssow keine Probleme. Noch gerne denke ich an die wertvollen Jahre zurück. Die Prignitz ist für uns nun die zweite Heimat!
Viel Wasser ist in den vergangenen 68 Jahren in der Obra abgelaufen. Zwei weitere Generationen der neuen Bewohner von Politzig und auch des Kreises Meseritz bezeichnen den Bereich als „Ihre Heimat“. So ist es halt im Leben! Wichtig ist, daß alle Menschen friedlich zusammen leben und zufrieden sind.
Die hohe Politik hat es damals so beschlossen und daran haben wir uns zu halten! Dennoch schauen wir immer gerne mal über die Grenze auf unser Geburtsland und zeigen unseren Nachkommen die Heimat. Jeder vernünftige Bürger wird dafür Verständnis haben.

Von dieser Stelle ein Gruß, in heimatlicher Verbundenheit
Euer Herybert Schulz, ehemals Politzig