Die Schulchronik der Schule in ScharzigDie Schulchronik der Schule
in Scharzig

Angelegt von dem Lehrer
P. Petzelt 1873


Bis uns vor einigen Tagen die Chronik der Scharziger Schule erreichte, wußten wir vom Heimatdorf Scharzig, das am Seziorka-See und dem Scharziger-See zwischen Betsche und Zielomischel
liegt, sehr wenig:
Nach Scharzig führte nur von Betsche aus eine befestigte Straße. Der größte Bauernhof, das Gut, wurde von Familie Josef Paech bewirtschaftet. Die Gastwirtschaft und das Kolonialwarengeschäft betrieben Roman und Cecilie Zerbe. Die Einwohner waren überwiegend katholisch, das Dorf hatte und hat keine Kirche.
So konnten wir aus dem kleinen Dorf im deutsch-polnischen Grenzland, von dem wir aus der Nachkriegszeit nur 3 Fotos besitzen über das Schicksal seiner ehemals deutschen Bewohner im Heimatgruß kaum etwas berichten. Das ändert sich nun durch den Erhalt der wertvollen Schulchronik der Schule in Scharzig.. Die Chronik umfaßt 155 Seiten in handschriftlichen Texten und hat ein Format von 21 x 33 cm. Sie soll weitestgehend in Fortsetzungen hier und im Heimatgruss veröffentlicht werden. Der Originaltext wird, an die Handschrift der Chronik erinnernd, in kursiv abgebildet.

Abschrift des Originaltextes (Abb. siehe unten):
Die Schule zu Scharzig ist eine katholische Schule und wird von den katholischen Familien der Gemeinden Scharzig und Zielomischel gebildet.
Dieselbe wurde um das Jahre 1844 gegründet und das Schulhaus nebst Stallung nach der Zeichnung der Königlichen Hochlöblichen Regierung zu Posen gebaut, da letztere eine Unterstützung von 100 Reichstaler (Preußische Währung) dazu gab.
Der erste ordentliche Lehrer war Herr Margraf von 1844 bis 1847. Darauf folgte der Lehrer Herr Pnoke von 1847 bis1850 und von 1850 bis 1851 wurde die Schule von dem Lehrer Grafstein verwaltet. In der Vacantszeit des Sommers 1851 wurde die Schule von dem Lehrer Herrn Krolkowski vertretungsweise verwaltet.
Während dieser Vertretung wurde der Schulunterrricht in dem Gemeindehause ertheilt, da der Schwamm in dem Schulhause war und dasselbe massiv unterfangen werden mußte. Darauf folgte im Herbste des Jahres 1851 der Lehrer Herr Robert Papryelic bis zum 1.ten April 1858.
Darauf folgte der Lehrer Paul Petzelt; derselbe machte 1869 die ersten Garten und Weinanlagen. Im Jahre 1861 wurde die offene Küche überwölbt und ein neuer Plattenofen in der Wohnung des Lehrers gesetzt.
Im Jahre 1862 machte der Lehrer Petzelt seine Wiederholungsprüfung und wurde in Folge dessen 1865 definitiv angestellt.
1868 wurde ein Stallanbau an die Scheune gemacht. Der Industrieunterricht wurde 1866 eröffnet. Das Gehalt des Lehrers betrug bis zum Jahr 1868, 45 Reichstaler von wo aus der Lehrer bei Veranlagung des neuen Etats eine Zulage von 8 Reichstalern erhielt.
Im Jahre 1849 erhielt der Lehrer eine Gehaltszulage von 10 Reichstalern; im folgenden Jahre eine Gehaltszulage von 18 Reichstalern, im Jahre 1872 eine Gehaltszulage von 30 Talern und im Jahre 1873 eine persönliche Zulage von 20 Reichstalern aus der Kasse des (?).
Im Jahre 1872 wurde im Herbste ein neuer Brunnen auf dem Schulhofe angelegt. Am 1sten Mai 1874 (?) wurde die hiesige Schule von dem Königlichen Kreis Schulinspektor Herrn Spretille visitiert. Am 15. Februar 1873 durch den Königlichen Kreisschulinspektor Herrn Erfurth visitiert.
gesehen 25.2.77
(unterschrieben)
Erfurth

Die Schulchronik der Schule in Scharzig


Von April 1875 bis Juni 1877 berichtet die Chronik über 8 Visitationen und öffentliche Schulprüfungen auch unter Mitwirkung der Lehrer. Am 15.2.1876 wird von der Königlichen Kreis-Schulinspektion angeordnet, daß der Religionsunterricht in deutscher Sprache zu halten ist, was in gleicher Zeit von der Königlichen hohen Regierung zu Posen bestätigt wurde.

In dichter Folge finden von Februar 1878 bis April 1880 weitere Visitationen durch den Königlichen Kreis-Schulinspektor Herrn Erfurth statt, die dann umbenannt werden in Revidierungen. Im Weiteren werden die Lehrer gebeten, die Prüfungen selbständig und öffentlich abzuhalten.
Im Monat Juni 1879 wurde der Stall auf dem Schulgehöft weggerissen und gleichzeitig die Abtritte (Toiletten) für Knaben und Mädchen besonders eingerichtet.

Ab November 1879 ist der Königliche Kreis Schulinspektor Herr Teklenburg für die Revidierungen in der Schule verantwortlich. In gleicher Zeit feiert Lehrer Petzelt sein 25jähriges Amtsjubiläum und seine silberne Hochzeit, zu der sich 9 Kollegen aus der Umgebung einfanden.

An einer öffentlichen Schulprüfung im April des Jahres 1880 nehmen auf Anweisung der Schulbehörde die Lehrer Weimann aus Stalun, Krolikowski aus Stokki und der Ortsvorstand aus Scharzig teil.
Am 18. Mai des gleichen Jahres wurde die Gegend von einem starken Frost heimgesucht, wodurch der Roggen und andere Früchte sehr litten. Im Sommer 1880 fand bei der hiesigen Schule ein Erweiterungsbau statt, der vom Maurermeister Giesel aus Betsche ausgeführt wurde.
Die Erweiterung bestand in einer zweiten Wohnstube, einer Räucherkammer und eines zweiten Kellers. Die Feuerung wurde ebenfalls neu ausgeführt und da dieselbe lauter russische Röhren bekam, mußte das Strohdach entfernt und durch ein Ziegeldach ersetzt werde. Auf dem Schulhof wurde zudem ein neues Backhaus errichtet. Der Unterricht wurde während des Baues in der Schulscheune erteilt.
Sämtliche Öfen wurden entweder um- oder neugesetzt. Leider stellte sich beim Heizen im Winter heraus, daß der Ofen im Anbau bei Ostwind nicht zu benutzen war, weil sämtlicher Rauch in die Stube kam. Es wurden viele Versuche zur Abhilfe des Übelstandes gemacht, bis jetzt aber ohne den geringsten Erfolg.

Im Jahr 1882 waren zur Prüfung im April die Kollegen aus Betsche und Stalun eingeladen und zugegen. Der Ortsschulvorstand war eingeladen, aber nicht erschienen und zeigte damit, wie wenig Interesse er für die Schule hat.

Die Schulprüfung 1883 fand im April statt und wurde vom Königlichen Kreis Schulinspektor Herrn Teklenburg selbst abgehalten. Als Gäste waren anwesend die Herren Kollegen Paech, Fuhrmannek und Kirscht aus Betsche, Weimann aus Stalun, Krolikowski aus Stokki und Gaettner aus Swiechocin.
Von den Ortsschulvorstehern wie auch von den Familienvätern der beiden Gemeinden Scharzig und Zielomysil war trotz ergangener Einladung niemand erschienen und das zeigt - wie in den vorigen Jahren - wie wenig Interesse sie für die Schule haben.
Bald nach der Prüfung brach unter den Schulkindern eine Scharlach- und Diphtherieepidemie aus, so das im Verlauf der Epidemie im Juni von 64 schulpflichtige Kindern nur noch 20 die Schule besuchten. Am 22. Juni 1883 wurde die Schule durch Verfügung des Landratsamtes geschlossen. Ein regelmäßiger Schulbesuch war erst im September wieder möglich.
Zur Abhilfe des Rauches in dem Anbau, wurde in der zweiten Hälfte des Junis ein neuer Schornstein an den Giebel des alten Hauses gebaut und zwar mit Erfolg.
Im September fand in der hiesigen Gegend in der Nähe unseres Dorfes ein erstes Manöver statt, ein sogenannter Vorposten-Biwak.

Die öffentliche Schulprüfung im April 1884 wurde im Beisein der Kollegen Weimann aus Stalun, Krolckowski aus Stokki und des Ortsschulzen Jesionek vom Lehrer selbst abgehalten. Von den Schulvorstehern und Familienvätern war trotz Einladung wieder niemand erschienen.
Es konnten 5 Kinder offensichtlich erfolgreich entlassen und am 1. Mai 10 Kinder neu aufgenommen werden.
Durch Dienststellenwechsel der Väter kam es in der ersten Jahreshälfte 1884 zum Weggang von 92 Schülern und zum Zuzug von 19 Schülern mit Eltern. Bis ins Schuljahr 1884 - 1885 verlief die schulische Arbeit auch mit ihren problematischen Prüfungen in gewohnter Weise.

Im Schuljahr 1885 - 1886 besuchten bei Beginn des Sommersemesters 65 Schüler den Unterricht - davon (wahrscheinlich war die Mitarbeit im elterlichen Betrieb notwendig) 28 die Hüteschule und 37 die verkürzte Sommerschule.
Während der Herbstferien erhielt die Schule 4 neue Schulbänke und eine neue Schultafel. Der Lehrer erhielt zum Austrocknen seiner Schlafkammer einen eisernen Ofen.
Ende November brachen unter der Schuljugend wieder die Masern aus, so daß von 60 Kindern nur noch 17 die Schule besuchten. Nachdem die Familie des Lehrers auch davon betroffen war, wurde die Schule vom 17. Dezember 1885 bis 7. Januar 1886 geschlossen.
Wegen der noch herrschenden Masern, der strengen Kälte und des schlechten Zustandes der Wege, war der Schulbesuch sehr unregelmäßig und auf 1/3 der Schüler zurückgegangen.

Der Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers wurde in der hiesigen Schule vorschriftsmäßig begangen und die Schuljugend mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Von den Mitgliedern der Schulsozität waren der Freigutbesitzer Herr Jesionek von hier anwesend. Die öffentliche Schulprüfung fand am 7. April 1888 statt und wurde vom Königlichen Kreis Schulinspektor Herrn Tecklenburg selbst abgehalten.
Von den Ortsschulvorstehern war der Ortsschulze Johann Zerbe und der Kassenrendant Julius Zerbe anwesend. Als Gast war der Lehrer Herr Weimann aus Stalun erschienen.

Ein wertvolles Geschenk für das Heimatkreisarchiv – die Scharziger Schulchronik wird in den nächsten Ausgaben des Heimatgruss (ab Nr. 218) und in diesen Seiten fortgesetzt.