Die Flucht der Fischer von Mollards
von Albrecht Fischer v. Mollard

Die Flucht unserer Familie im Winter 1945 von Schloß Tirschtiegel
nach Gülzow in Schleswig- Holstein

Die Flucht der Fischer von Mollards
Bisher gibt es keine Aufzeichnungen über die Flucht unserer Familie von Tirschtiegel über Herzfelde bei Berlin und Goslar/Harz nach Gülzow in Schleswig- Holstein. Natürlich hätte man einen solchen Bericht besser vor 30 Jahren oder noch früher schreiben sollen, als unsere Mutter, Anni und die übrigen Erwachsenen noch lebten und als die Erinnerungen aller Beteiligten noch weitaus lebendiger waren als jetzt nach gut 60 Jahren.

Aber erst heute wächst die Erkenntnis, daß wir in zweifacher Hinsicht in der Pflicht stehen, die Katastrophe des Jahres 1945 und insbesondere ihre Folgen für unsere Familien nachzuzeichnen: Wir sind einerseits überzeugt, daß die uns nachfolgenden Generationen eines Tages mehr über die dramatische Flucht der Familien vor den russischen Truppen erfahren wollen und dann auf die Aussagen der unmittelbar Beteiligten Zugriff haben sollten - auch wenn die Erinnerungen erst 6 Jahrzehnte später zu Papier gebracht wurden.
Zum anderen sind wir es unseren Eltern und Anni schuldig, von ihren geradezu übermenschlichen Kräften und Leistungen jener Tage zu berichten, denen wir Kinder letztlich die unversehrte Ankunft im relativ „sicheren“ Westen zu verdanken haben.
Aus diesem Grunde trafen sich 4 Geschwister am 28. Dezember 2005 im Hamburger Brillkamp. Während Brunfriede, Adelhart und Claus-Ekkehard unter Zuhilfenahme von ausführlichem Kartenmaterial tief in ihre geistigen Archive hinab stiegen und einen ganzen Tag lang z. T. erstaunliche Details in ihr Bewußtsein zurückholen konnten, notierte Albrecht – als im Jahre 1941 Geborener ohne konkrete Erinnerungen an die Flucht – alle Mosaiksteinchen des Erinnerns und versuchte, durch entsprechende Fragestellungen zusätzliche Informationen zu erhalten.

Schwester Edeltraut, im Kreis Plön ansässig und ebenfalls als abzufragender Informationsspeicher eingeplant, fiel den Straßenverhältnissen in Ostholstein zum Opfer und mußte wegen Schnee zu Hause bleiben. Zwischen dem Treffen in Hamburg und der Ausarbeitung des Protokolls gelangten wir in den Besitz von Aufzeichnungen, die über die Verhältnisse in Tirschtiegel in jenen Tagen des Januars 1945 berichten. Sie wurden von Joachim Schmidt, Troisdorf, Mitarbeiter des Meseritzer Heimatgrußes und aus Tirschtiegel stammend, im Jahre 1983 niedergeschrieben. In der Einleitung zu seinem Bericht heißt es u. a.: „Die folgenden Daten und Geschehnisse sind mir von Augenzeugen berichtet bzw. aus Briefen und Fluchtbeschreibungen bekannt geworden.“ Da sie ein authentisches Bild von der damaligen Lage in unserem Heimatstädtchen zeichnen, übernehmen wir, die freundliche Genehmigung von Joachim Schmidt stillschweigend voraussetzend, Teile dieses Berichtes, die zur Kennzeichnung als Zitat jeweils kursiv und eingerückt wiedergegeben werden.

Nicht erst Anfang 1945, als sowjetische Truppen in Ostpreußen und Schlesien erstmals auf dem Territorium des damaligen Deutschen Reiches standen, war der vom verbrecherischen Naziregime mutwillig, einseitig und ohne Not vom Zaun gebrochene II. Weltkrieg für die Deutschen verloren.
Er sollte am Ende insgesamt rd. 55 Millionen Menschen, davon allein ca. 27 Millionen Russen, das Leben kosten. Nachdem im Jahr 1941 der deutsche Überfall auf die Sowjetunion ca. 30 km vor Moskau im russischen Winter zum Stillstand gekommen und am 6. Februar 1943 mit dem Fall Stalingrads bzw. dem Untergang der 6. Armee die endgültige Kriegswende eingetreten war, hatten jetzt, Anfang 1945, die nach Westen drängenden russischen Divisionen nur ein Ziel: die Eroberung Berlins, und zwar noch vor den alliierten Westmächten. Daß sie dabei mit aller Brutalität vorgingen und keinerlei Veranlassung sahen, das Leben deutscher Zivilisten zu schonen oder auf die Unversehrtheit deutscher Frauen und Kinder bedacht zu sein, wird verständlich angesichts der furchtbaren Greueltaten, die von Teilen der deutschen Wehrmacht und von Sondereinheiten der berüchtigten SS-Verbände zuvor in Polen und in der Sowjetunion an der Zivilbevölkerung begangen worden waren.
Das Wort „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“ sollte sich in den letzten Monaten des Krieges vor allem in den östlichen Provinzen des Deutschen Reiches auf ganz entsetzliche Weise bewahrheiten.


14. 01. 1945 Sonntag (Lubenhauland) – ca. -20 Grad, viel Schnee
Um 6 Uhr morgens flüchten die ersten Bauern (Hoffmann, Redlich, Schulz, Timm) aus dem östlich von Tirschtiegel gelegenen Lubenhauland in Richtung Schilln - Schierzig. Kurz darauf plündern Polen die verlassenen Höfe und setzen Gebäude in Brand. Die Ereignisse - nur wenige Kilometer vor der Stadtgrenze - bleiben in Tirschtiegel unbemerkt.

Die Flucht der Fischer von MollardsObgleich die Flucht vor der herannahenden Roten Armee auch für die Zivilbevölkerung bei Todesstrafe verboten ist und nur noch unverbesserliche Optimisten keinen Anlaß zu entsprechenden Vorkehrungen sehen, fragen sich in diesen Tagen ganz sicher die meisten Tirschtiegeler:
Wann müssen wir weg, wann ist der beste Zeitpunkt, um gefahrlos aufzubrechen und sich in die endlose Schlange der Flüchtlinge Richtung Westen einzureihen?
Unser Vater jedenfalls ist Realist genug, sich und seine Familie auf die sich abzeichnende Katastrophe einzustellen.
Er läßt Mitte Januar auf dem zum Schloß gehörigen Hof und von der Öffentlichkeit nicht unbedingt einsehbar, insgesamt 3 Wagen für die Flucht vorbereiten, zwei davon haben eine mit Druckluft gefüllte Gummibereifung, während das dritte Fahrzeug, ein ordinärer Ackerwagen, mit den typischen eisenbereiften Speichenrädern aus Holz ausgestattet ist.
Zum Schutz vor der Witterung, immerhin herrschen Temperaturen von bis zu –20° C , wird auf den Gummiwagen jeweils ein Stützgerüst errichtet, über das zunächst Teppiche gelegt werden, auf diese dann wetterfeste Eisenbahnplanen, wie sie für den Bahntransport von Holz verwendet wurden.
Der Ackerwagen, für den Transport von Gepäck und Pferdefutter vorgesehen, hat keine Aufbauten, die Ladung soll mit einer Plane abgedeckt werden, so daß der Kutscher im Freien sitzt.
Wenn es denn tatsächlich zu einer Flucht kommen müsste, dann soll in einem ersten, raumgreifenden Schritt ein größerer Treckverband mit den 3 jetzt bereitstehenden Wagen über die Oder nach Herzfelde - östlich von Berlin in unmittelbarer Nachbarschaft von Rüdersdorf gelegen - gebracht werden. Hier haben Verwandte unserer Großeltern einen Gutshof. In einem zweiten Schritt könnte unsere engere Familie von dort zu den Großeltern nach Goslar am Harz weiterfahren.

19. 01. 1945 Freitag (Neutomischel - Grätz) – Wetter unverändert
Das Kreisamt Neutomischel wird evakuiert. Die Anweisung für die Räumung des östlich an Tirschtiegel grenzenden Kreises Grätz erfolgt durch den Landrat am Abend des 20.01.1945.

Am Wochenende, d.h. um den 20. Januar ist die Herrichtung der drei Wagen abgeschlossen; sie stehen nunmehr bereit und warten auf ihren Einsatz. Auf seinen Einsatz wartet auch Isidor Mrozik, ein 25-jähriger Pole, Landarbeiter auf dem zum Schloß gehörenden Waldvorwerk und dort als Gespannführer eingesetzt. Ihn hat unser Vater zuvor unter dem Siegel absoluter Verschwiegenheit gefragt, ob er im Falle einer möglichen Flucht bereit sei, als Kutscher den Gepäckwagen Richtung Westen bis nach Goslar/Harz zu fahren. Isidor ist damals verlobt, zumindest sehr verliebt. Dennoch erklärt er sich zu dem Unternehmen bereit. Erst unmittelbar vor Abfahrt des Trecks wird er seine Eltern und sein Mädel Zofie in sein Vorhaben einweihen. Die spätere Ehe zwischen Isidor und Zofie hält bis auf den heutigen Tag.

20. 01. 1945 Sonnabend (Tirschtiegel)
Seit Tagen fahren Nacht für Nacht flüchtende Fuhrwerke durch die Stadt. In Tirschtiegel ist noch alles ruhig.

Die Flucht der Fischer von MollardsIn den Wochen und Monaten vor der Flucht ist das Schloß Zufluchtsort für eine ganze Reihe von Personen gewesen, die unserer Familie unterschiedlich nahe stehen: Bereits im Sommer 1944 hat Tante Ingeborg, Schwester unserer Mutter und in Lissuhnen, Kreis Johannesburg/Ostpreußen mit Forstmeister Matthias Barth verheiratet, ihre beiden Kinder Bärbel (*1938) und Wolf-Eberhard (*1941) in das vermeintlich sichere Schloß Tirschtiegel gebracht, ist selbst aber noch einige Monate in Ostpreußen geblieben, bis die Rote Armee deutsches Territorium erreichte. Tante Gertrud aus Berlin, Ehefrau von Onkel Ernst Kusserow, einem Vetter von Vater, hat mit ihren beiden Töchtern Edda und Gerhild bereits im Sommer 1944 oder noch früher vor den Bombenangriffen der Alliierten Zuflucht bei den Verwandten in Tirschtiegel gefunden und wohnten im Schloß auf der rechten Seite. Geheimrat Schmidt aus Berlin, alleinstehend und älter als 60 Jahre, ist ebenfalls vor den Bombenangriffen auf das flache Land gezogen. Ausgebombt und nach Tirschtiegel verschlagen hat es auch Fräulein Molitor, eine ältere Lehrerin aus Berlin, die ein Zimmer im Schloß bewohnte.

21. 01. 1945 Sonntag (Tirschtiegel) – ca. -20 Grad, viel Schnee, klarer Himmel
Gegen 2 Uhr morgens erreicht Familie Steindamm, Stadtmühle Tirschtiegel die Nachricht, daß russische Panzer Posen bereits umfahren. Alle Mitarbeiter werden geweckt und um Mithilfe bei der Vorbereitung der Flucht gebeten. Nachbarn äußern darüber ihr Unverständnis und halten die Maßnahmen für übereilt und leichtsinnig. Gegen 14 Uhr verlassen mit dem Steindamm-Treck die ersten Tirschtiegler Bürger (38 Personen) in Richtung Naßlettel, Neu-Bentschen die Stadt. Nach schwerer Krankheit stirbt am Morgen des 21.01.45 in der Familie Raschke (Bäckerei, Altstädter Markt) die Tochter Käte. In der Stadt sammeln sich Flüchtlingsfuhrwerke aus den östlichen Gebieten. Auf einem Fuhrwerk am Altstädter Markt entbindet eine Frau. Eine Gruppe von Flüchtlingen singt den Choral „Nun danket alle Gott“. Sie wissen sich im Altreich und glauben gerettet und sicher zu sein. Die Mehrzahl der Fuhrwerke wird von Frauen gelenkt. Polnische Knechte spannen aus, gehen oder reiten in den Warthegau zurück. In der Stadt kursiert das Gerücht, um 15 Uhr wolle man die Obrabrücke sprengen.

Die Verteilung der Personen auf die Treck-Wagen hat Vater bereits vor Antritt der eigentlichen Flucht festgelegt, wobei er umsichtig genug ist und den Fall einer ungeplanten Trennung des Treck-Konvois offenbar mit in sein Kalkül zieht:
Auf Wagen 1 sollen insgesamt 14 Personen mitfahren, nämlich: Mutter, Kindermädchen Anni und wir Kinder: Brunfriede *1930, Adelhart *1931, Edeltraut *1933, Claus-Ekkehard *1934, Gert-Rulemann *1937, Heidemarie *1939 und Albrecht *1941.
Außerdem „Tante Oberin“, Martha Wiezcorek, die Wirtschafterin des Schlosses, Tante Ingo, Bärbel, Wolf- Eberhard und Kutscher Otto Paech vom Schloß.
Für Wagen 2 sind 10 Personen vorgesehen: Tante Tutti Kusserow, Edda (*1938), Gerhild (*1940), Schwester Martha, Fräulein Tietze, Frau Junge, Geheimrat Schmidt, Liselotte Kusserow, Jürgen Kusserow (*1938) und Stanislaus als Kutscher.
Der Wagen 3, der zum Gepäckwagen umfunktionierte Ackerwagen, soll von Isidor gefahren werden und wird keine weiteren Personen befördern, zumal der Wagen keine Abdeckung hat, der Kutscher also im Freien sitzt.

22. 01. 1945 Montag (Tirschtiegel)
In der Stadt herrscht angespannte Ruhe. Mit der Vermutung, der Russe werde die Stadt einschließen, macht sich Angst breit. Viele denken nun ernsthaft an Flucht. Noch verkehren auf der Strecke Bentschen - Birnbaum regelmäßig Züge. Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab.

Was in diesen schweren Stunden und Tagen im Herzen unserer Eltern und Anni vorgeht, wissen wir nicht, man kann es sich nur vorstellen, vielleicht aber auch nicht. Während Brunfriede sich über den Ernst der Situation schon durchaus Gedanken macht, empfindet Adelhart Skrupel, denn eine Flucht, die zudem noch immer bei Todesstrafe verboten ist, erscheint ihm illoyal gegenüber dem Jungvolk, der NS-Jugendorganisation, der jeder Jugendliche in seinem Alter beizutreten hatte. Und irgendwann müsste er ja zurück nach Tirschtiegel, so denkt er, und müsste sich dann vor seinen im Stich gelassenen Kameraden rechtfertigen. Ekki dagegen hatte nur einen Gedanken: Hoffentlich geht es endlich los, das Abenteuer Flucht, auf das er regelrecht brennt.

23. 01. 1945 Dienstag (Tirschtiegel)
Am Nachmittag erscheint in der Stadt ein größerer Treck aus dem Gebiet Neustadt/Pinne, der im Saal Schütz übernachten möchte. Rektor Tannhäuser bewegt den Treck weiterzufahren. Eine kleine militärische Einheit übernachtet in der Stadt. Die Pferde der Soldaten werden in den Stallungen des Schlosses untergebracht. Im Verlauf des Nachmittags verläßt der Treck der Familie Fischer von Mollard (Schloß) die Stadt in Richtung Eschenwalde. Vereinzelt flüchten nun Einwohner, es entsteht Unruhe. Eine Gruppe von Frauen wird beauftragt, an der Straße nach Hamritzke im Schnee Weiden zu schneiden, um für 2 aufgestellte Geschütze freies Schußfeld zu schaffen.

Am Dienstag, dem 23. Januar fällt bei Vater innerhalb weniger Stunden die Entscheidung, die Familie auf die Flucht zu schicken mit dem Hauptziel, zunächst einmal das vermeintlich sichere Westufer der Oder zu erreichen.
Die Gummiwagen werden mit Kartoffeln, Pferdefutter und Heu beladen und fahren zum Büroeingang an der Hinterterrasse des Schlosses, wo die Ladung durch einige Matratzenteile und ein wenig Bettzeug aus den Schlafzimmern ergänzt wird und schließlich auch die „Flüchtlinge“ aufsteigen. In der Woche zuvor ist im Schloß geschlachtet worden und Maria, eine 19-jährige Polin, die in der Küche arbeitet, gibt die bei der Herstellung von Semmelwurst übrig gebliebenen Semmelbrösel noch mit auf den Weg sowie Butterbrote. „Herr Hauptmann, Sie brauchen nicht zu fliehen! Wir Polen beschützen Sie und Ihre Familie – Ihnen wird nichts passieren!“ Noch heute sind wir dankbar, daß unsere Eltern auf die ganz bestimmt ehrlich und ernst gemeinte Zusicherung der polnischen Angestellten nicht bauen, sondern früh genug, d.h. bevor die Spitzen der Roten Armee Tirschtiegel erreichen, wie Millionen anderer Deutsche buchstäblich das Heil in der Flucht suchen.
Auf dem Gepäckwagen werden die letzten Koffer verstaut. Mit welcher Überlegung entschieden wird, was überhaupt mitgenommen werden muß oder soll, verdeutlicht eine von Mutter später getroffene Feststellung, die zugleich auch etwas über die Wirkung der damaligen Propaganda aussagt: „Ich nahm nur einen Teil der Handtücher mit, damit wir in 2 Wochen, wenn wir wieder in Tirschtiegel sind, auch noch saubere haben!“ Gegen 17 Uhr schließlich bricht der Treck im Schutze der Dunkelheit - es besteht nach wie vor Fluchtverbot - bei schneidender Kälte mit insgesamt 25 Personen auf und verläßt über die Hofausfahrt Hirtenstraße das Schloß, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen.
Ekki ist erleichtert, daß die Unsicherheit der letzten Tage endlich vorbei ist. Mit welchen Gedanken Vater seine geliebte Familie ziehen läßt und allein zurückbleibt, mag sich jeder selbst ausmalen.
Die Flucht der Fischer von Mollards

E X KU R S
Im Oktober 1976, also mehr als 31 Jahre nach der Flucht, fahren Mutter, Brunfriede, Ekki und Albrecht erstmals wieder nach Tirschtiegel. Über die damals noch recht abenteuerliche Fahrt existiert ein ausführlicher Bericht von Mutter, der auch Aussagen von der bereits erwähnten Marinia enthält.
Nachfolgend wird die entsprechende Passage der Aufzeichnungen aus 1976 ungekürzt wiedergegeben, wobei Mutters Skepsis bzgl. des Wahrheitsgehaltes der Erzählungen gerechtfertigt sein mag:

„ ... Es ging nun (Montag, 11. Oktober 1976) ans Erzählen, denn Marinia (sie heißt Maria, wurde von uns liebevoll Marinia genannt) hatte ja die letzten Tage mit Vater verlebt. Ich kann jetzt auch nur ungeordnet aufschreiben, was Marinia sprudelnd erzählte. Uns interessierte am meisten natürlich, wie das Schloß zerstört worden ist. Ob nun wirklich alles so gewesen ist, möchte ich dahin gestellt sein lassen, es sind 31 Jahre darüber hingegangen, und wenn auch die Menschen nicht so hektisch leben und von äußeren Eindrücken „bearbeitet“ werden und wohl dadurch ihr Gedächtnis besser in Ordnung ist, so klingt doch manches etwas unwahrscheinlich.
Wir gingen doch am 23. Januar 1945 auf die Flucht, fuhren von der Hintertür ab und vorne zum Haupteingang zog die Wehrmacht ein. Ein junger Offizier mit Ritterkreuz sagte noch: „Was ist denn nun los? Jetzt kommen wir, da geht man doch nicht fort!“ Rührend hatte Marinia uns noch beim Einpacken der nötigsten Sachen geholfen, war sie doch mit ihrer ganzen Familie bei Nacht von dem Hofe der Eltern evakuiert (fortgejagt) worden. Eine 9-köpfige Familie mit einem Bett!

Marinia hatte uns noch Betten in den Treckwagen gepackt und ein Säckchen mit Salz mitgegeben. Sie mit Vater und Irena blieben zurück. Vater hat uns immer erzählt, nachdem sie (vermutlich Wehrmacht oder deutsche Behörden) ihm den vollgetankten BMW in Meseritz abgenommen hätten, wäre er später mit dem Fahrrad von Tirschtiegel fortgefahren. Marinia betreute also Vater, der aber beide Mädchen vor Übergriffen schützte.
Marinia interessierte die Wohnung von Reimanns, wo sie Vater tief in Gedanken sitzen sah. Sie meinte er wäre tot. Er kommt aus seiner Gedankenwelt in die Wirklichkeit zurück und unterhält sich 3 Stunden mit Marinia und fragt sie auch: „Was hättest Du gemacht, wenn Deine Familie weg wäre?“
Die Russen sind schon bis Waldvorwerk, Marinia drängt, daß Vater weg geht. Sie packt ihm einige Sachen. Als Fleischer Briese vorbei kommt, hält Marinia ihn an, daß er „Herrn Hauptmann“ mitnimmt. Es klingt etwas unwahrscheinlich, daß Vater ohne Initiative ist, ich kann es mir trotz seines großen Kummers um seine Familie und den Verlust seines Besitzes nicht denken. Für genauso fragwürdig halte ich es, daß Vater früher mit Marinia in der Küche polnische Lieder gesungen haben soll. Marinia bediente die Einquartierung, sie gilt als Deutsche. Das Musikzimmer ist Arztzimmer und Lazarett. Irena kann kein Blut sehen und Marinia kocht die Spritzen aus. Sie erzählt immer „der Ritterkreuz“ (und meint damit den jungen Offizier); man fordert von ihr die Kellerschlüssel, sie leugnet jedoch zu wissen, wo sie sind. In ihrer Angst wirft sie sie in die Heizung, wo sie auf dem Rost liegen bleiben und ihn unbeweglich machen, so daß wohl später die Heizung ausgeht.

Der Schwiegersohn von Herrn Liebig kommt ins Schloß und legt unten im Kellergang Sprengstoffladungen mit „dem Ritterkreuz“ zusammen. Heidrich (der Schwiegersohn) sagt ihm, daß Marinia Polin ist. Sie möchte zu ihrer Familie nach Waldvorwerk, wo Vater sie nach ihrer Evakuierung aufgenommen hat und auch ihren Vater als Heizer im Sägewerk eingestellt hat. Sie braucht dazu einen Passierschein, den ihr nun „der Ritterkreuz“ nach Aussagen von Heidrich verwehrt. Als ein telefonischer Anruf kommt, gibt ein Wachtposten Marinia ein Zeichen und sie verschwindet – ohne Passierschein.

3 Tage sollen Verwundete im Schloß gewesen sein, dann sprengte Heidrich das Schloß mit den Verwundeten und Schwestern in die Luft. Er soll gesagt haben „Er wird’s nicht wieder finden!“ Marinia hat gesehen, wie alles „wie leichte Blätter herunter fiel“. Ihre Angehörigen haben wochenlang nichts von Marinia gehört und glaubten, daß auch sie im Schloß ums Leben gekommen ist.
Wir sind von diesem Bericht sehr erschüttert und können uns eigentlich soviel Grausamkeit und Haß nicht vorstellen. Überall, wo wir Besuch gemacht haben (im Oktober 1976), wird nur voller Verehrung und Hochachtung von unserem Vater gesprochen.


Soweit der von Mutter im Jahre 1976 aufgezeichnete Bericht über die angeblichen Ereignisse, nachdem wir am 23. Januar 1945 am frühen Abend Tirschtiegel verlassen hatten - und zurück zur eigentlichen Schilderung unserer Flucht.

An der Spitze fährt Wagen 1, gezogen von 2 Pferden; als Ersatz sind hinten am Fahrzeug zwei weitere Pferde angebunden, eines davon ist „Edelweiß“, eine Stute, die noch lange Jahre in Melusinental treue Dienste verrichten wird. Mit dabei ist auch „Ali“, ein „Krippensetzer“ oder „Klopphengst“ (Pferdeexperten wissen Bescheid?) von Onkel Eduard F.v.M. aus Góra bzw. Eichstätten. Dahinter rollt der Gepäckwagen, ebenfalls von einem Pferdegespann gezogen, während Wagen 2 mit zwei Zugpferden und einem Ersatztier die Nachhut bildet. Ein kleines technisches Detail am Rande: alle Pferde trugen Hufeisen mit auswechselbaren Stollen, Keil- Stollen waren bei Schnee und Eis zu verwenden, H-Stollen bei normalen Straßenverhältnissen.
Auf den Feldern liegt ca. 40 cm hoch Schnee, auch die Straßen sind mit einer festgefahrenen Schneedecke belegt, der sternenklare Himmel sorgt für eine trockene (geschätzte -20 bis -25 Grad) Kälte und - auch das hat Vater mit ins Kalkül gezogen - der zunehmende Mond ersetzt die nicht vorhandene Straßenbeleuchtung. Die erste Etappe verläuft auf der damaligen Reichsstraße 97, die zunächst noch relativ leer ist, von Tirschtiegel über Dürrlettel (Lutol Suchy) und Brätz (Brojce) nach Muschten (Myszecin), wo der Treck ohne besondere Zwischenfälle gegen 21 Uhr eintrifft; die Pferde haben rd. 20 km unter die Hufe gebracht.
Unterkunft finden wir in einer Schule, aufgrund der fortgeschrittenen Stunde natürlich ohne jedwede Verpflegung. Die Pferde werden gefüttert, indem ihnen ein Futtersack um den Hals gehängt wird, der mit Hafer oder Heu gefüllt ist. Auch wir beißen in mitgenommene Wegzehrung und versuchen anschließend, auf Tischen liegend, den notwendigen Schlaf zu finden.
Ekki aber kann nicht einschlafen und geht noch einmal vor die Tür in die helle, klare Mondnacht und nimmt dabei – sicher ist sicher – seinen Finndolch mit, den er jedoch hier verliert. Der Verlust seiner Waffe läßt in dem 10- jährigen ein Gefühl absoluter Wehrlosigkeit aufkommen, an das er sich auch nach 61 Jahren noch genau erinnert.

24. 01. 1945 Mittwoch (Muschten)
Am Vormittag werden an der Straße nach Hamritzke weitere Weiden geschnitten. Im Verlauf des Tages zünden deutsche Soldaten die Scheune von Jos. Lehmann (Straße Hamritzke links) an, um ihr Schußfeld zu verbessern. Die brennende Scheune verursacht eine Unzahl von Gerüchten. Gegen Mittag ergeht per Handglocke ein Aufruf an alle Bürger in der Stadt, man möge sich auf dem Marktplatz (Altstadt, wahrscheinlich auch Neustadt) versammeln. Vor der Gaststätte Morell (Altstadt) spricht Bürgermeister Karl Zimmermann (und Herybert Menzel) mit den dort versammelten Bürgern: „Die Kreisleitung habe befohlen, Ruhe zu bewahren. Für eine nötig werdende Evakuierung sei vorgesorgt, man würde rechtzeitig Bescheid erhalten. Die Bürger sollten in der Stadt bleiben. Militär würde für den Fall einer Evakuierung Fahrzeuge zur Verfügung stellen. Zurzeit sei keine Gefahr.“ Während der Versammlung verlassen einige Bürger die Stadt, bereits geflüchtete Bauern fahren wieder nach Glashütte und Hüttenhauland zurück. Am Nachmittag wird Käte Raschke auf dem evangelischen Friedhof in der Neustadt beerdigt. Die Beteiligung an der Trauerfeier ist groß. Aus Richtung Posen ist deutlich auf dem Friedhof Geschützdonner zu hören. Viele Bürger gehen nach Hause, um sofort zu packen. Am Abend befinden sich auf der Straße nach Schwiebus flüchtende Tirschtiegler, die keine Fahrzeuge haben. Sie bitten darum, von Fuhrwerken mitgenommen zu werden. Deutsches Militär, das in größerer Zahl die Nähe der Front anzeigen könnte oder Vorbereitung für eine Verteidigung der Stadt treffen würde, erscheint nicht. Was man sieht, sind einzelne Soldaten oder kleine, offensichtlich versprengte Truppenteile, teilweise selbst auf der Flucht.

In Muschten sind wir an diesem Morgen hinsichtlich Frühstück wieder auf Selbstversorgung angewiesen und starten anschließend etwa gegen 9 Uhr weiter Richtung Westen. Es ist nach wie vor sehr kalt und die Straße jetzt verkehrstechnisch völlig überlastet. Militärkolonnen fahren Richtung Osten, in entgegengesetzter Richtung die Trecks, Wagen an Wagen, so daß es gar nicht einfach ist, sich überhaupt in den westwärts fließenden Strom der Fahrzeuge einzufädeln. Unser Treck hat Muschten kaum hinter sich gelassen, als Wagen 1, einem entgegenkommenden Militärfahrzeug ausweichend, weit rechts fährt und auf der glatten Straße mit den Vorderrädern in den Straßengraben rutscht. Während Isidor mit dem Gepäckwagen in der endlosen Kolonne weiterfährt, versucht Kutscher Otto Paech vergeblich, aus eigener Kraft den Gummiwagen wieder auf die Fahrbahn zu lenken. Die Vorderachse ist mit den Rädern so im Graben verkeilt, daß die Holzdeichsel dem Druck der mit aller Kraft vorwärts ziehenden Pferde nicht standhält und bricht.

Die Flucht der Fischer von MollardsWoher jetzt eine neue Deichsel bekommen? Wir haben einen Schutzengel – Geheimrat Schmidt von Wagen 2 geht zurück nach Muschten und organisiert Hilfe. In einer Stellmacherei gelingt es ihm tatsächlich, eine neue Deichsel aufzutreiben. Unterdessen beruhigt Anni die Pferde, die durch den Lärm der Richtung Front fahrenden Panzer bzw. Militärfahrzeuge und die endlosen Flüchtlingstrecks sehr nervös sind. Inzwischen ist auch der Gepäckwagen mit Isidor, der ja zu zunächst weitergefahren war, umgekehrt und zurückgekommen. Nach etwa 2 – 3 Stunden ist die zerbrochene Deichsel ersetzt. Anni und Otto Paech nehmen zur Feier der erfolgreichen Reparatur gemeinsam einen kräftigen Schluck aus der Schnapsflasche – wer Anni kennt, kann an dieser Geste ihre große Erleichterung erkennen, die sie mit Allen teilt: sie trinkt normalerweise keinen Schnaps, schon gar nicht aus der Flasche und gemeinsam mit einem Mann erst recht nicht!

Soldaten helfen, den havarierten Wagen aus dem Graben wieder auf die Straße zu drücken und mittags kann unser Konvoi nach diesem ernsten Zwischenfall seine Fahrt in die ungewisse Zukunft fortsetzen. Um sich durch Bewegung warm zu halten, laufen die größeren Geschwister, z.T. auch die Erwachsenen, neben oder hinter den Wagen, denn trotz strahlender Sonne und blauem Himmel ist es mit geschätzten -18° lausig kalt.
Sowohl Brunfriede als auch Adelhart haben auf der Flucht während der ersten Tage Erfrierungen erlitten, die jedoch erfreulicherweise keine bleibenden Schäden zur Folge hatten.
Ein weiteres, allerdings wesentlich erfreulicheres Ereignis kennzeichnet den 2. Tag der Flucht: Mitten im Stadtgebiet von Schwiebus (Swiebodzin), rd. 30 km von Tirschtiegel entfernt, schaut am späteren Nachmittag völlig unerwartet und überraschend Vater in unseren Wagen. In Sorge um das Wohlergehen seiner Familie ist er mit dem Fahrrad von Tirschtiegel gekommen. Heidemarie, damals noch keine 6 Jahre alt, hat dieses Bild auch nach mehr als 60 Jahren so lebendig vor Augen, als sei es gestern gewesen.

Die Havarie hinter Muschten hat Zeit gekostet, so daß die heutige Tagesetappe deutlich kleiner ausfällt. Mit einsetzender Dämmerung erreicht der Treck nach etwa 13 km Wilkau (Wilkowo). Wir sind (vermutlich durch Vater) telefonisch im Gutshaus angemeldet; uns wird eine warme Mahlzeit zubereitet und wir können sogar im Obergeschoß des Hauses auf Matratzen übernachten. Ein festes, fast komfortables Quartier für Mensch und Tier für die kommende Nacht zu haben, läßt eine Diskussion, ob man vielleicht noch weiterfahren soll, um die verlorenen Stunden des Vormittages aufzuholen, gar nicht erst aufkommen.
An dieser Stelle bietet es sich an, die Frage nach einer Führungsstruktur, nach einem verantwortlichen Entscheidungsträger während des Trecks zu erörtern. Als „Herrin von Schloß Tirschtiegel“ und in Vertretung von Vater hat Mutter zweifellos das Sagen, sie trägt die Verantwortung für die insgesamt 25 Personen des Trecks und ist letztendlich der Entscheidungsträger. Nur – wer Mutter kennt, weiß, daß sie eine Rolle innehat, die ihr nicht unbedingt auf den Leib geschrieben ist. In der Realität gibt es ein Führungs- und Beratungsteam.
Zu ihm gehören für Wagen 1 Mutter und Tante Oberin, für Wagen 2 Frau Junge und Geheimrat Schmidt. Ganz sicher haben aber auch Tante Ingo und Anni im Zweifelsfalle Mutter zur Seite gestanden und ihre Meinung gesagt. In jedem Fall ist den Frauen allergrößte Hochachtung zu zollen. Sie werden zu einer Zeit, als das Wort „Emanzipation“ überhaupt noch nicht existiert, von heute auf morgen in eine völlig neue Rolle gestoßen und müssen „ihren Mann stehen“. Das tun sie in einer vorbildlichen, bravourösen Art und Weise, daß man vor ihrer großen, ja übermenschlichen Leistung auch nach mehr als 60 Jahren nur den Hut ziehen kann!

25. 01. 1945 Donnerstag (Wilkau)
Rektor Tannhäuser (Leiter des Volkssturms) und sein auf Heimaturlaub befindlicher Sohn halten auf der Obrabrücke Wachdienst. Gegen Mittag sind deutlich Maschinengewehrfeuer und einzelne dumpfe Schläge zu hören. Da am Morgen im Wehrmachtsbericht des Radios gemeldet wurde, daß deutsche Truppen immer noch Posen behaupten, glaubt man zunächst an Manöver grenznaher deutscher Truppen bzw. an die Sprengung des Eises, um die Verteidigung zu sichern.
In der Reichskorbmachermeisterschule (Markt Neustadt) ist ein Lazarett eingerichtet worden. Tirschtiegler Bürger helfen bei der Pflege der Verwundeten. Die Arbeitsmaiden verlassen die Stadt. In der Posenerstr. (Altstadt) werden am Nachmittag die Linden als Panzersperre gefällt. Gegen 15 Uhr ist wieder deutlich Geschützdonner aus Richtung Posen zu hören. Kurze Zeit später bringen wenige deutsche Soldaten ein drittes Geschütz vor dem Bahnhof (auf dem Weg nach Ziegelscheune) in Stellung.
Gegen 16 Uhr passiert ein mit Panzern beladener Güterzug von Bentschen kommend den Tirschtiegler Bahnhof. Die Bahnlinie Benschen - Posen ist zerstört. Wegen eines noch aus Birnbaum erwarteten Reisezuges muß der Militärzug auf dem Bahnhof Tirschtiegel kurzzeitig halten.
Es kommt zwischen dem Bahnhofspersonal und den Offizieren zu einer bedrohlichen Auseinandersetzung. Erhard Gebauer, der mit seiner Familie aus Altvorwerk zunächst bis Schierzighauland geflüchtet war, versucht noch am späten Nachmittag mit seinem Sohn per Fahrrad die in Altvorwerk zurückgelassenen Familiendokumente zu holen. Eine kleine deutsche Einheit zur Panzerabwehr, die am Ortsausgang Tirschtiegel an der Straße nach Hamritzke in Stellung gegangen ist, läßt Vater und Sohn mit der Feststellung, das Gelände sei feindfrei, passieren. In Hamritzke können beide nur mit großer Mühe und viel Glück der bereits hinter der Mühle und der gesprengten Brücke stehenden russischen Front entkommen.
Gegen 19 Uhr beginnt der Beschuß Tirschtiegels, vornehmlich der Altstadt. Als erste Opfer sterben der Maurer HEIN und die Schülerin MAGDA SIMON. Die immer bedrohlicher werdende Situation veranlaßt Bürgermeister Zimmermann, die versprochene Evakuierung durch den Kreisleiter in Meseritz zu erwirken. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, hält er den Hörer des Telefons aus dem Fenster des Rathauses. Der Kreisleiter lehnt ab und beschimpft die Verantwortlichen der Stadt als Feiglinge. Das Evakuierungsverbot bleibt bestehen. Die Männer sollen die Stadt verteidigen.
Eine vom Stadtrat eigenmächtig versuchte Evakuierung der Frauen und Kinder, die sich dazu um 20 Uhr im Kinosaal Schütz treffen, scheitert. Die organisierten Militärfahrzeuge kommen nicht. Nun versucht jeder, soweit er kann, die Stadt auf eigene Faust zu verlassen.
Einzelne russische Panzer versuchen über Hamritzke nach Tirschtiegel vorzudringen. Nach Beschuß durch deutsches Militär fahren sie zurück in Deckung. Der Beschuß durch russische Artillerie hält an. Gegen 21 Uhr brennen Scheunen in der Altstadt. Die Neustadt erhält ihre ersten Treffer (Turnhalle). Gegen 22 Uhr brennt es neben dem Schlachthaus Briese an verschiedenen Stellen in der Stadt. Eine kleine Gruppe (Spähtrupp) russischer Soldaten dringt am Abend in Schneehemden gekleidet durch die Mühlenstrasse kriechend bis zum Markt der Altstadt vor (Ecke Diering). Nachdem sie aus ihren Maschinenpistolen mehrere Feuerstöße über den Markt abgegeben haben, ziehen sie sich wieder zurück. Viele Bürger flüchten zu Verwandten und Freunden in die westlich der Stadt gelegenen Siedlungsräume Schierzighauland, Birkenhorst, Eschenwalde oder bis Dürrlettel, Brätz und Muschten. Gegen 23 Uhr gelingt es noch einigen Tirschtieglern auf einem offenen Militär-Lkw nach Schwiebus zu entkommen. Auf dem Bahnhof in Schwiebus finden sich in dieser Nacht viele Tirschtiegler wieder.

Während an diesem Donnerstag Tirschtiegel erstmals unter direkten feindlichen Beschuß kommt, brechen wir morgens zwischen 8 und 9 Uhr in Wilkau auf. Nach einem Tag ohne besondere Vorkommnisse – soweit nach 61 Jahren die Erinnerungen noch korrekt sind – erreicht der Treck auf der verstopften Reichsstraße 167 nach rd. 22 km gegen Abend Koritten (Koryta). Es herrscht nach wie vor strenger Frost mit Nachttemperaturen von unter minus 20 Grad. Der Ort selbst ist ebenfalls völlig überfüllt, so daß wir keine gemeinsame Unterkunft für unseren Treck bekommen. Mutter findet mit den „3 Kleinen“ (Gert, Heidemarie und Albrecht) und Anni eine Strohschütte zum Übernachten.
Brunfriede und Adelhart schlafen auf dem Wagen, die übrigen Personen von Wagen 1 kommen bei einer Bäuerin unter. Während für die Gespanne von Wagen 2 und 3 Unterstellmöglichkeiten gefunden werden, wo auch deren Kutscher eine Bleibe finden, müssen die Pferde von unserem Wagen 1 im Geschirr unter Decken bei klirrendem Frost draußen stehen bleiben. Sie sind sehr unruhig, rucken öfter erschrocken an den Strängen, weil Militärfahrzeugen zu dicht an ihnen vorbei fahren.
Brunfriede soll am Ende dieser Nacht noch ein spezielles Problem bekommen: Sie ist am Tag zuvor zur Vermeidung von kalten Füssen viel hinter dem Treckwagen gelaufen mit der Folge, daß ihre orthopädischen Schuhe durch den Schnee naß und folglich am nächsten Morgen steif gefroren sind, so daß sie alle Mühe hat, sie überhaupt wieder anzuziehen.

26. 01. 1945 Freitag (Koritten)
Um 6 Uhr morgens versuchen einige in der Altstadt zurückgebliebene Frauen (Familie Fabian) im Rathaus Klarheit über die Frontlage und Hilfe zur Flucht zu erhalten. Bürgermeister Karl Zimmermann, E. Gerlach und 0skar Rudolph sind dabei, Akten vor dem Zugriff durch Polen und Russen zu vernichten. Die Flucht wird für die Frauen mit Hilfe eines Bauern aus der Altstadt noch möglich. Der Frontverlauf ist unklar. Von den wenigen deutschen Soldaten ist außer der Aufforderung, sofort zu flüchten, nur Widersprüchliches zu erfahren.
Gegen Mittag versammeln sich in der Wohnung von Herybert Menzel (Markt Neustadt) E. Gerlach, R. Lehmann, 0. Rudolph und Sohn, M. Schulz und Karl Zimmermann (Bürgermeister). Nach dem Beschluß, die Stadt zu verlassen, gehen sie gemeinsam zu Fuß nach Meseritz. In Schierzig begegnet die Gruppe Herrn Fischer von Mollard der auf seinem Pferd noch einmal versucht, nach Tirschtiegel zu kommen.

Nach sehr kalter Nacht brechen wir am vierten Tage unserer Flucht morgens in Koritten auf. Die Erinnerungen lassen für die heutige Etappe keine spektakulären Ereignisse erkennen. Der ferne Geschützdonner, der seit der Abfahrt in Tirschtiegel mehr oder weniger ständig zu hören ist und sicherlich unbewußt zur Eile antreibt, ist auch heute wieder den ganzen Tag über zu vernehmen.
Über Sternberg (Torzym) und Pinnow (Pniów) erreicht der Treck am Spätnachmittag Bottschow (Boczow) und hat damit weitere 16 km zurücklegt. Unterkunft finden wir auf dem dortigen Gutshof, wobei wir möglicherweise eine entsprechende Empfehlung bereits in Wilkau erhalten haben. Mensch und Tier werden hier mit Nahrung versorgt, können in warmen Räumen übernachten und haben ein Dach über dem Kopf – unter den herrschenden Umständen und angesichts der Vielzahl der Richtung Oder strebenden Flüchtlingsströme eine durchaus zufriedenstellende Situation.

27. 01. 1945 Sonnabend (Bottschow) – starke Schneefälle, die Temperaturen sinken
Aus Schwiebus und aus den westlichen Hauländern versuchen einige Bürger, meist Frauen, wieder nach Tirschtiegel zu kommen. Sie hatten wichtige Kleidung und Lebensmittel in der Stadt vergessen. Deutsche Soldaten hindern sie am Betreten der Stadt. Die Altstadt ist von russischen Soldaten besetzt. Russische Panzer fahren von Polen geleitet durch die Mühlenstrasse auf den Markt der Altstadt.
Die Obrabrücke ist gesprengt. Das Schloß scheint noch unversehrt zu sein. L. Schley, der sich im Wald (Insel) am Großen See versteckt hält, beobachtet, wie russische Truppen über das Eis des Sees in Richtung Hoffmannstal, Schierzighauland ziehen.

Vor dem Aufbruch in Bottschow am nächsten Morgen muß unter dem in der Ferne wahrnehmbaren Geschützdonner eine schwere und mit erheblichen Risiken behaftete Entscheidung getroffen werden:
Die Verhältnisse auf den Straßen werden zunehmend chaotischer, weil sich jetzt, ca. 30 km vor der Oder die aus allen Ostprovinzen heranwälzenden Flüchtlingsströme trichterförmig auf die Oderbrücke in Frankfurt konzentrieren und dementsprechend stauen und sich gegenseitig behindern. Verstärkt wird der Druck durch die Befürchtung, die Oderbrücken könnten aus militärischen Erwägungen auf deutscher Seite kurzerhand gesprengt werden.
Sollte der Russe, so eine weitere Überlegung, einen Bombenangriff starten, wird er ihn höchstwahrscheinlich auf das Nadelöhr Frankfurt vortragen, weil hier die meisten Opfer zu erwarten wären und die Stadt zudem genau in der Hauptstoßrichtung auf Berlin liegt. Es spricht also einiges dafür, Frankfurt/Oder irgendwie zu umgehen. Die Alternative, in Bottschow auszuscheren, die Reichsstraße 167 zu verlassen und zu versuchen, auf Nebenstrecken die Oder nördlich oder südlich von Frankfurt zu erreichen, ist aufgrund der Schneehöhe von geschätzten 40 cm und möglicher Schneeverwehungen ebenfalls nicht ohne Risiko, da wir im Fall einer Havarie, sei es Achsenbruch oder im Schnee stecken bleiben, keine Hilfe hätten und auf uns allein angewiesen wären.

Über den Verlauf der Beratung wissen wir heute nichts mehr, wohl aber über ihren Ausgang: „Man“ entscheidet, sich ab jetzt Richtung Südwesten zu orientieren, um den Oderübergang in Fürstenberg, etwa 10 km südlich von Frankfurt zu erreichen. Eine mutige Entscheidung! Der Treck mit seinen drei Wagen verläßt also am Samstagmorgen den Gutshof, der südlich der Reichsstraße 167 am westlichen Ortsausgang von Bottschow liegt, und erreicht auf einer kleinen Nebenstraße zunächst Wildenhagen (Lubin) und von hier aus auf einem tief verschneiten Feld- und Waldweg Reichenwalde (Radzików).
Kein anderer Treck fährt voraus, keiner folgt uns. Von Reichenwalde aus geht es auf schneebedeckter Landstraße weiter nach Sandow (Sadów) und schließlich nach Ziebingen (Cybinka), das wir noch bei Tageslicht erreichten. 19 km auf einsamen Wegen und Nebenstraßen liegen hinter uns. Unterkunft finden wir in einer leerstehenden, sauberen Wohnung, in der sich die 25 Erschöpften unseres Trecks auf die Zimmer verteilen, nachdem auch für die Pferde ein geeigneter Unterstand gefunden ist. Eine vorhandene Kochgelegenheit wird genutzt, um von den aus Tirschtiegel mitgenommenen getrockneten Erbsen einen großen Topf Suppe vorzukochen – zum vorherigen stundenlangen Quellen der Hülsenfrüchte ist natürlich keine Zeit.

28. 01.1945 Sonntag (Ziebingen) – starke Schneefälle
Ganz Tirschtiegel ist von der Roten Armee besetzt. Neben vielen Häusern und Wirtschaftsgebäuden ist das Schloß abgebrannt. Plünderungen, Vergewaltigungen und Erschießungen nehmen ihren Anfang. Die wenigen Deutschen, die zunächst noch in der Stadt bleiben, müssen alles in Geduld ertragen. Ab Schwiebus fährt der letzte Zug.

Nachdem die gute Erbsensuppe verstaut ist, brechen wir am nächsten Morgen in Ziebingen auf mit der bangen Hoffnung, die Oderbrücke vor Fürstenberg unzerstört vorzufinden und passieren zu können, um das vorerst sichere Westufer der Oder zu erreichen. Die befestigte Landstraße führt uns zunächst nach Balkow (Bialków) und von dort weiter durch einen Wald nach Kloppitz (Klopot).
Von hier aus sind es nur noch knapp 2 km bis zur Oder. Die Brücke ist Gott sei Dank unversehrt und passierbar, so daß unser Treck nach einer Tagesetappe von rd. 17 km erleichtert die Oder überqueren kann und Fürstenberg auf dem Westufer erreicht. Unterkunft finden wir in einer Gaststätte, wo wir wahrscheinlich auch Essen erhalten, denn die in Ziebingen vorgekochte Erbsensuppe kommt noch nicht zum Einsatz; in jedem Fall aber erhalten wir die Möglichkeit, im Schankraum auf dem Fußboden zu schlafen.

29. 01.1945 Montag (Fürstenberg) – Tauwetter
Die Kreisleitung in Meseritz gestattet den Bewohnern von Tirschtiegel und den umliegenden Hauländern die Evakuierung. Gegen 12 Uhr soll ein Zug von Neu Bentschen kommend alle Frauen und Kinder in die Prignitz bringen.

Das traurige Schicksal Tirschtiegels vollendet sich und die ganze Schäbigkeit des unseligen NS-Regimes wird einmal mehr unter Beweis gestellt, indem eine Evakuierung unseres Heimatstädtchens erst nach dessen Besetzung durch russische Soldaten erlaubt wird. Unglaublich, wie so vieles, was in jener Zeit geschieht.
An diesem Tag bricht unser Treck in Fürstenberg auf, um sich nunmehr, nachdem wir den kritischen Oderübergang hinter uns haben, in Richtung Nordwesten zu orientieren, da das vorläufige Ziel nach wie vor Herzfelde ist. In einer großen Tagesetappe von ca. 31 km geht es vermutlich über Schönfließ und Rießen, in jedem Fall über Müllrose nach Biegen, wo wir abends auf dem dortigen Gutshof Unterkunft finden. Hier wird die leckere Erbsensuppe aufgewärmt und auf den Tisch gestellt, die zwei Tage zuvor in Ziebingen zubereitet worden ist – der Mensch muß ja irgendwann einmal auch etwas Warmes zu sich nehmen. Einquartiert sind wir im Gutsbüro, wo man eine Strohschütte eingerichtet hat; als „stilles Örtchen“ wird uns wegen ihrer räumlichen Nähe die Latrine der auf dem Gutshof eingesetzten Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter zugewiesen, die nicht eben appetitlich ist.
Nachdem sich alle zur Nachtruhe auf das Stroh niedergelegt haben, beginnen die ungequollenen Erbsen der Suppe ihre volle, durchschlagende Wirkung zu entfalten. Während die Jüngsten ihr dringend nötiges Geschäft mit Hilfe des „Regimentstopfs“, einem aus Tirschtiegel mitgenommenen braunen Nachtgeschirr verrichten, nutzen die größeren Geschwister die freie Natur. Lediglich die Erwachsenen sind gezwungen bzw. sie fühlen sich so, die unzumutbare Gefangenenlatrine zu benutzen.
Dabei sagt Tante Ingo aus Frust und Wut über die katastrophalen sanitären Verhältnisse nach einem ihrer Gänge mehr zu sich selbst denn als ernst gemeinte Aufforderung: „Eigentlich müsste man den Leuten einen großen Haufen mitten vor die Tür setzen!“ – wobei die tatsächliche Konsistenz der Verdauung eine solche Haufenbildung sicherlich überhaupt nicht zugelassen hätte.
Wie dem auch sei, Brunfriede und Ekki fühlen sich ob dieser Worte durchaus animiert und legen ihr nächstes „Windei“ auf die Treppenstufen, die zur Eingangstür des Gutshauses führen, bevor sie endgültig Ruhe finden. Geschlafen wird auf einer Strohschütte im ungeheizten Gutsbüro; die Kutscher finden ein warmes, eigentlich zu warmes Plätzchen auf dem Backofen in der Gutsküche.

30. 01. 1945 Dienstag (Biegen)
Am nächsten Morgen entdeckt Mutter mit ihrem umsichtigen Blick die inzwischen zu „Tellerminen“ gefrorenen Exkremente und fordert ultimativ Aufklärung.
Nachdem sich die „Täter“ selbst stellen, wird ihnen in preußischer Pflichterfüllung die sofortige „Minenräumung“ auferlegt, was auch ohne Murren erfolgt. Im Übrigen stellt sich sehr schnell heraus, daß ausnahmslos alle Teilnehmer des Trecks incl. der drei Kutscher während der Nacht unter den Folgen der Erbsensuppe gelitten haben.

Bei der Rekonstruktion der heutigen 8. Fluchtetappe waren sich die beteiligten Geschwister unsicher. Wir starten in Biegen und sind noch rd. 53 km vom Zielort Herzfelde entfernt. Ist eine solche Distanz überhaupt an einem Tage zu bewältigen? Da sich jedoch niemand an einen weiteren Zwischenstopp, d.h. einen zusätzlichen Übernachtungsort erinnern kann, treffen wir die kühne Annahme, daß wir die fragliche Strecke – vermutlich über Petershagen und Müncheberg – an einem Tage zurückgelegt haben.
Diese Mutmaßung würde nicht nur eine geradezu „übermenschliche“ Leistung unserer treuen Pferde bedeuten, sondern stünde auch in Übereinstimmung mit der stets getroffenen Aussage, unsere Flucht bis Herzfelde habe 8 Tage gedauert. Der kleine Treckverband ist sicherlich erst am späteren Abend, aber geschlossen und vollständig, am Zielort eingetroffen und findet hier auf dem Gut von Tante Else Hofer, Verwandtschaft der Großeltern v. Roëll in Goslar, nach den Strapazen der letzten 8 Tage eine heile, zivilisierte Welt vor.

31. 01. 1945 Mittwoch (Herzfelde)
In Herzfelde legen wir eine eintägige Pause ein, die für eine Grundreinigung von Mensch und Tier, Wäsche und Fluchtwagen genutzt wird. Die Kartoffeln aus Tirschtiegel, die Wagen 1 und Wagen 2 mitgeführt haben, sind unterwegs nicht gegessen worden, sondern aufgrund der tiefen Temperaturen erfroren. Sie werden jetzt ungenutzt direkt entsorgt.
Der bisherige Bericht beruht vollständig auf Erinnerungen, die größtenteils wenn nicht sogar komplett erst Jahrzehnte nach den eigentlichen Ereignissen niedergelegt wurden. Es existiert jedoch ein Brief unserer lieben Anni, den sie am 31. Januar 1945 an ihre Schwester geschrieben hat. Er ist nicht nur ein erschütterndes Zeitzeugnis, sondern bestätigt außerdem unsere Hypothese von der phänomenalen Leistung der 8. Etappe. Wegen seiner Einzigartigkeit sei der Brief an dieser Stelle wiedergegeben.

Brief von Anni – Januar 1945

Auf der Flucht, den 31.1.1945
Lieb Schwesterlein! – Wir leben! Bete, daß ich weiterhin Kraft habe, diese Not auszuhalten. 8 Tage mit dem Pferdetreck. Furchtbar die Kälte! Manchmal liebevolles Nachtquartier auf Stroh, manchmal aber auch die bittere Landstraße. Wie oft waren wir erschöpft, daß ich dachte, nur noch der Tod ist die Erlösung. Doch der Selbsterhaltungstrieb kämpft gegen alles wieder an.
Gestern sind wir in Herzfelde bei Berlin gelandet. Auf einem Gut haben wir einen Tag Ruhe. Nun alles umpacken für Goslar. Morgen soll es mit der Bahn bis dorthin weitergehen. Das Gepäck soll in einem Pferdewagen hingehen. Gebe Gott, daß es ankommt. Sonst haben wir mal nichts.
Du wirst in großer Sorge leben. Gott behüte Dich vor einer Flucht. Schreibe mir bitte nach Goslar, bei Major v. Roëll, Wallstr. 18. Ob Du irgendetwas weißt über Eltern und die Bruderfamilie? Nur nicht denken, sonst ist es ganz aus. – Vergessen will ich nicht das Danken, daß uns Gott bisher soviel Gutes getan hat und nur Er allein kann uns aus dieser Not herausführen. Herr F. v. M. ist Soldat und hat wohl Tirschtiegel verteidigt bis zum Schluß. Das Städtchen ist gänzlich überrumpelt worden von den Panzern. – Lieb Schwesterlein – ich habe den festen Glauben, daß ich Dich noch mal wiedersehe. Aber Eltern, nein - - - - - Sylvester – Neujahr war der Abschied und welche Gnade von Gott, daß er uns das geschenkt hat.
Nun wollen wir uns weiter in Gottes Hand geben.
Deine Anni


Die Flucht der Fischer von MollardsDieser Brief wurde auf einen DIN A5 Bogen geschrieben. Der zugehörige Umschlag mit der Adresse ist leider nicht erhalten.
Wir können tatsächlich dankbar sein und sind es auch: Wir haben keinen Kontakt mit russischen Soldaten gehabt und sind von Tieffliegerangriffen verschont geblieben - wir sind unversehrt und leben - und beten, daß es Vater auch so gut geht!
Sodann wird der Treck neu zusammengestellt. Von Wagen 2 bleiben die seinerzeit aus Berlin ausgebombten Familien Kusserow ebenso in Herzfelde bzw. schlagen sich nach Berlin durch wie Geheimrat Schmidt und Frau Molitor. Die alleinstehenden Schwester Martha und Frl. Tietze werden weiter Richtung Westen nach Goslar mitfahren.
Vom Gepäckwagen wird unsere gesamte Habe in Wagen 1 umgeladen, ebenso wird der Rest des Pferdefutters übernommen und mit Vorräten des Gutes vervollständigt und der Ackerwagen dem Gut in Herzfelde überlassen. Wagen 2 wird abgerüstet und verbleibt ebenfalls auf dem Gut, wobei die Teppiche, die bisher als Kälteschutz gedient haben, von Tante Tutty „stillschweigend ohne Auftrag übernommen“ werden und als Kapitalrücklage für die Nachkriegszeit dienen, was später noch zu gewissen Irritationen führen wird.
Schließlich werden auch einige Pferde zurückgelassen. Es besteht ja immer noch die Hoffnung oder die Option, auf dem Rückweg nach Tirschtiegel in Herzfelde wieder vorbei zu kommen, um das dort verbliebene Eigentum dann mitzunehmen.

01. 02. 1945 Donnerstag (Herzfelde)
Dieser Tag ist insofern ein Jubiläum, als Anni heute seit 12 Jahren in unserer Familie ist. Später wird sie regelmäßig eine Hyazinthe oder einen Strauß Tulpen als Zeichen unserer Dankbarkeit erhalten, heute aber ist nicht die Stunde für Sentimentalitäten: wir brechen erneut auf, diesmal Richtung Goslar/Harz.
Mit dem Treckwagen, gezogen von einem Pferdegespann und einem Ersatzpferd, darunter auch die Schimmelstute „Edelweiss“, fahren: Otto Paech, Isidor Mrocik, Stanislaus, Schwester Martha, Frl. Tietze, Frau Junge; sie hat das Kommando über den Treck.
Mit der Bahn will und wird die „eigentliche Familie“ die Kaiserstadt erreichen, nämlich im Prinzip die gesamte Besatzung von Wagen 1, d.h. Mutter, Anni, Tante Ingo und Tante Oberin mit zusammen 9 Kindern. Wir fahren mit der S-Bahn nach Berlin hinein und müssen dort auf einem der großen Fernbahnhöfe in den Zug nach Goslar umsteigen. Mutter ist offenbar mit genügend Bargeld ausgestattet, um die Fahrt bezahlen zu können. Obwohl das meiste Gepäck mit dem Pferdetreck transportiert wird, ist das Umsteigen auf den völlig überfüllten Bahnsteigen für die Erwachsenen eine echte Herausforderung.
Albrecht wird von einem fremden Soldaten auf dem Arm getragen, Gert ist krank und elend und wird von Anni unter dem Arm mit auf dem Boden schlurfenden Beinen geschleppt, alle Züge sind voll, es ist furchtbar eng, dennoch geht am Ende niemand verloren und wir finden uns alle im richtigen Zug wieder – durchaus ein weiterer Grund, dankbar zu sein.
Wegen der zu befürchtenden Tieffliegerangriffe verläßt der Zug erst abends Berlin und fährt die Nacht durch. Vor Halberstadt oder Magdeburg muß er einmal auf freier Strecke halten, um das Ende eines alliierten Bombenangriffs auf die Stadt abzuwarten.

02. 02. 1945 Freitag (Goslar)
Mit unserer heutigen Ankunft in Goslar haben wir sicherlich die größten körperlichen Strapazen überstanden. Was jetzt kommt, sind eher nervliche Anspannungen. Man muß es sich bildlich vorstellen:
Die Großeltern v. Roëll leben bisher in einem räumlich grosszügig geschnittenen 2-Personen-Haushalt und plötzlich bekommt Herr Major Einquartierung: seine beiden Töchter mit insgesamt 9 Kindern, Anni und Tante Oberin stehen vor der Tür und brauchen Unterkunft – sicherlich für alle Beteiligten nicht einfach, auch wenn die Hilfe natürlich schon vor Fluchtbeginn abgesprochen worden ist!
Es gibt insofern eine kleine Entlastung, als Adelhart und Ekki bei Frau Brümmer untergebracht werden, die im gleichen Haus über den Großeltern wohnt. Brunfriede und Edeltraut kommen bei Familie Sonntag unter; er war zu Kaisers Zeiten General und ist jetzt noch Skatbruder von Opa. Aber der Rest, und das sind immerhin 4 Erwachsene und 5 Kinder, werden für die nächste Zeit bei Oma und Opa v. Roëll wohnen. Die Ernährung wird durch die „Volksküche“ sichergestellt, eine Sozialeinrichtung zur Versorgung von Ausgebombten und Flüchtlingen. Trotzdem – wir sind der Hölle entronnen und gesund geblieben – es gibt also im Prinzip keinen Grund zur Klage! (Nach 61 Jahren läßt sich eine solche Aussage sicherlich leichter treffen als damals.)

Die Flucht der Fischer von Mollards09. 02. 1945 Freitag (Goslar)
Etwa eine Woche, nachdem wir Bahnfahrer in Goslar eingetroffen sind, erreicht auch der Treckwagen, von Herzfelde kommend, mit unserem Gepäck unversehrt sein Ziel. Frau Junge schlägt sich weiter nach Nordhausen durch, wo sie Verwandte hat.
Die beiden Polen, Isidor und Stanislaus, bleiben etwa zwei Wochen, um sich zunächst einmal von den Strapazen zu erholen, die Wäsche in Ordnung zu bringen etc Dann aber brechen sie wieder auf, um nach Tirschtiegel zurückzukehren.
Der Vollständigkeit halber sei hier noch einmal aus dem Bericht zitiert, den Mutter im Jahre 1976 über unsere erste Fahrt nach Tirschtiegel verfaßt hat und der später, im September 1980, im Meseritzer HGr Nr. 76 veröffentlicht wurde:

„Als Isidor bei uns sitzt - er spricht gut Deutsch -, seine Frau versteht es, kann aber nicht sprechen, erzählt er, wie es ihm ergangen ist, als er nach Goslar kam, uns das Gepäck brachte und dann mit dem Treckwagen und den Pferden nach Grauhof ging. Paech und Stanislaus waren bei ihm. Stanislaus und Isidor haben drei Tage in Grauhof gearbeitet, dann sollten sie sich selbst verpflegen, aber was machen Junggesellen, die doch keinen Haushalt besitzen? Also fahren sie zurück nach Herzfelde, wo sich ja unser Treck aufgelöst hatte.
In Herzfelde wurden sie von einem alten Ehepaar betreut, deren Söhne im Felde waren. Mittags wurden sie mit zwei Ungarn vom Hof aus beköstigt. Als am 27. April 1945 der Russe Herzfelde überrollt hatte, machten sich die Polen auf den Heimweg. Bei Küstrin staute sich der Strom von zurückkehrenden Flüchtlingen und Truppen.
Isidor und Stanislaus haben sich dort aus den Augen verloren. Sie wissen nichts mehr voneinander. Isidor hat den Weg von Herzfelde bis Waldvorwerk zu Fuß zurückgelegt! Viel zu essen hatte er nicht. Als er in Landsberg ankam, hatte er sich Kartoffeln gesucht und in einem verlassenen Haus Feuer angezündet. Kurze Zeit darauf kam ein Russe und brachte ihn zur Kommandantur. Er wurde verhört, weil er Feuer gemacht hatte. Das war wohl wegen der Flieger gefährlich. Als er sagte, er wäre Pole, wurde er freigelassen. Man schenkte ihm noch ein Stück Brot.
Am nächsten Abend war er dann in Schwerin, wo er sich in einem Feuer ein paar Kartoffeln gegart hatte, und so schwarz, wie sie von dem Holzfeuer geworden waren, hat er sie gegessen. Am 3. Mai kam er in Tirschtiegel an.
Er ruhte sich unter dem Heiligenbild aus, das an der Abbiegung rechts vom Judenfriedhof steht. Irena Gorny kam vorbei, erkannte ihn und ging nach Waldvorwerk, um der Familie zu berichten, daß Isidor auf dem Weg nach Hause sei. Als er dann später den Weg entlang kommt, stehen die Bewohner an der Brücke und begrüssen ihn mit großer Freude, denn ihnen war berichtet worden, daß Isidor schon auf dem Hinweg, als er mit uns fuhr, erschossen worden sei.“


Kutscher Otto Paech findet Unterschlupf in Grauhof, dem Klostergut (ca. 500 ha) bei Goslar, das Herr Görg gepachtet hat, der wiederum zum Freundeskreis der Großeltern zählt. Hier arbeitet er mit den Pferden, die den Treckwagen gezogen haben, auf dem Feld. Schwester Martha und Frl. Tietze werden bei einer Schneiderin in Goslar einquartiert und später nach Gülzow mitgenommen.

Ende Februar 1945
Paul Gotthelf Fischer (geb. 6.10.1862 in Tirschtiegel, gest. 14.6.1942 in Hamburg), uns Geschwistern nur bekannt als „Onkel Paul“, war ein jüngerer Bruder unseres Großvaters Ernst Gotthelf F.v.M., dem Vater unseres Vaters. Er hatte testamentarisch festgelegt, daß „die Verwandten aus dem Osten“ auf seinem Gut in Gülzow, Kreis Herzogtum Lauenburg, aufzunehmen seien für den Fall, sie verlören im Osten ihren Besitz.
Es ist nicht bekannt, wann Onkel Paul diese Verfügung niedergelegt hat, – ob bereits vor oder erst während des Krieges - in jedem Fall war sie vorausschauend und für uns ein großer Glücksfall. (An die ihm schuldende Dankbarkeit werden wir später in Melusinental durch eine gerahmte Fotografie, die im Wohnzimmer auf der dunklen Holztäfelung hing, täglich erinnert werden.) Wie Edeltraut weiß, beruhte diese testamentarische Verfügung „auf Gegenseitigkeit“, d.h. bei einer – nur schwer vorstellbaren - Vertreibung der Familie Fischer/ Schloß Gülzow von ihrem Besitz hätten die Verwandten im Osten (Góra und /oder Tirschtiegel) die Pflicht zur Aufnahme und Versorgung der Westverwandtschaft gehabt. Vermutlich hat Vater bereits vor Antritt unserer Flucht mit Onkel Dietrich, dem Sohn von Onkel Paul und jetzigem Besitzer des Gutes Gülzow, also mit seinem Vetter über die Umsetzung des letzten Willens von Onkel Paul gesprochen.
Mutter hat sich jedenfalls von Goslar aus mit Onkel Dietrich in Gülzow in Verbindung gesetzt. Ob sie sich dabei auf die testamentarische Verfügung von Onkel Paul beruft und ihm berichtet, daß wir es bis Goslar bereits geschafft haben und nunmehr auf ihn, Onkel Dietrich, hoffen würden oder, wie Opa v. Roëll schreibt, lediglich um Lebensmittel nachsucht, wissen wir heute nicht mehr.
Während Mutter und mit ihr alle anderen in der beengten Wohnung ihrer Eltern, unserer Großeltern, auf Post aus Gülzow warten, schellt es eines Tages Ende Februar, und Onkel Dietrich steht vor der Tür. Gefahren von seinem Chauffeur, Herrn Schewe, ist er direkt mit seinem mit Holzgas betriebenen „Horch“ nach Goslar gekommen, was angesichts der anhaltenden Kämpfe um Norddeutschland und den damit verbundenen Tieffliegerangriffen der Briten nicht ohne Risiko ist.
Noch heute kann Brunfriede wie am Schnürchen aufzählen, was er nach Goslar mitgebracht hat: Ein Faß Salzheringe, einen halben Sack Mohrrüben, Kartoffeln, 2 Stücke Butter und eine dicke Mettwurst. Die Freude in der Wallstraße ob dieser unerwarteten Bereicherung des kargen Speisezettels der Volksküche ist natürlich riesig.
Bevor er nach Gülzow zurück fährt, bietet Onkel Dietrich Mutter an, auf der Rückfahrt zwei der sieben Kinder mitzunehmen - für Mutter ganz sicherlich eine schwierige Entscheidung, denn wer läßt es in Kriegszeiten freiwillig auf eine Trennung der Familie ankommen? Zudem hat sie Vater fest versprochen, sich von keinem einzigen Kind und unter keinen Umständen zu trennen. Erst nachdem auch Anni ihr sehr zuredet, ringt sie sich schließlich zur Annahme des Angebots durch und fragt die älteren Geschwister, wer freiwillig nach Gülzow mitfahren wolle.
Die Frage ist noch nicht ganz verklungen, da hebt Adelhart bereits seine Hand. Er möchte lieber heute als morgen der spannungsgeladenen Atmosphäre um Opa den Rücken kehren. Weil sich Brunfriede standhaft weigert, von Mutti und Anni getrennt zu werden, fahren am Ende Adelhart und Edeltraut gemeinsam mit und können die Enge der Wallstraße mit dem Schloß in Gülzow tauschen.

März 1945
Wir sind gezwungen, uns mit den unabänderlichen Bedingungen zu arrangieren, da nutzt auch kein Klagen und wir Geschwister werden zu Recht darauf hingewiesen, daß es anderen noch viel schlechter geht als uns. Opa, ein Major a.D. und den hohen Werten von preußischer Disziplin und Pflichterfüllung stark verbunden, führt ein strenges Regiment, was natürlich insbesondere bei den älteren Geschwistern auch schon einmal auf Widerstand stößt.
Reibereien und atmosphärische Störungen bleiben nicht aus, werden möglicherweise auch dadurch provoziert, daß wir, so sind zumindest die Erinnerungen, schmale Volksküchenkost auf dem Teller liegen haben, während Opa sein tägliches Stück Fleisch mit Genuß verspeisen kann.
Es ist immerhin bereits soweit ein Alltag eingekehrt, daß die älteren Geschwister bis einschließlich Gert in Goslar zur Schule gehen. So wird die Stadtverwaltung später unseren Eltern den Besuch der Mädchen-Mittelschule von Brunfriede mit 7 RM pro Monat schriftlich in Rechnung stellen – eine glückliche Fügung, denn dadurch wird Vater im Jahre 1946 in die Lage versetzt, auf der leeren Rückseite dieser Rechnung einen Brief schreiben zu können.

24. 03. 1945 Sonnabend
Am Wochenende vor Ostern - Ostersonntag fällt in diesem Jahr auf den 1. April - kommt Onkel Dietrich ein zweites Mal mit seinem „Horch”, um jetzt Anni und „die drei Kleinen” (Gert, Heidemarie, Albrecht) nach Gülzow abzuholen. Wegen der latenten Gefahr von Tieffliegerangriffen verlassen wir Goslar am Abend des 24. März. Unsere Nachtfahrt führt uns über Braunschweig, Gifhorn, Uelzen, Lüneburg, Lauenburg und Juliusburg zum Gülzower Schloß, wo wir am Palmsonntag, den 25. März, morgens gegen 4 Uhr eintreffen. Zwar hat uns Tante Frauke früher erwartet und ist schließlich um 2 Uhr zu Bett gegangen, jedoch ist unsere verspätete Ankunft leicht zu begründen:
Zum einen muß unterwegs mehrfach angehalten werden, um den Konverter, d.h. den Kessel, neu zu bestücken, in dem aus trockenem Buchenholz das Treibgas für den Motor gewonnen wird; darüber hinaus hat sich Herr Schewe einmal in Braunschweig verfahren, und schließlich hat der Horch in Lauenburg erhebliche Probleme, die „Steilstrecke” hinauf zum Hochufer zu erklimmen, was ihm erst nach mehreren Anläufen gelingt – Holzgas ist eben kein Benzin! Wenigstens bleiben wir von jedweder „Feindberührung” verschont und werden hier in Gülzow unser „neues Leben“ starten können bzw. müssen.
Gestartet ist auch der Treckwagen in Goslar, nämlich ebenfalls am Abend des 24. März. Mit ihm streben Richtung Gülzow jetzt noch: Mutter, Brunfriede, Ekki, Tante Oberin, Schwester Martha, Frl. Tietze und Otto Paech als Kutscher.
Damit ist die „Einquartierung“ in der Wallstraße mit Ausnahme von Tante Ingo und ihren beiden Kindern komplett wieder abgerückt. Tante Ingo wird vorläufig in Goslar bleiben, um auf die Rückkehr ihres Mannes, Onkel Mathias, aus dem Krieg zu warten. Erst 1946 wird sie von seinem Tod in Landsberg/ Warthe erfahren und dann mit beiden Kindern bis zum Tode der Großeltern dort wohnen bleiben. Zurück zum Treckwagen, der überwiegend nachts fährt – am 28. März ist Vollmond - um nicht noch „auf den letzten Kilometern“ von Tieffliegern getroffen zu werden; tagsüber stellt er sich zum Schutz auf Bauernhöfen oder in kleinen Ortschaften unter. Inzwischen ist der Frühling in das noch immer Krieg führende Deutsche Reich eingezogen und es herrschen entsprechend milde Temperaturen, die Mensch und Tier die Fahrt nach Schleswig-Holstein erheblich erleichtern.
Ein einmaliges Dokument, eine Postkarte aus Mutters Feder von unterwegs, sei an dieser Stelle zitiert:

Absender: E. Fischer v. Mollard b. Herrn D. Fischer
Gut Gülzow – Kreis Lauenburg/Elbe
26. III. 1945


Meine lieben Eltern!
Auf dem Wege nach Uelzen machen wir gerade Rast und haben unsere Erbsensuppe verzehrt, die wir heute früh gekocht haben. In Braunschweig waren wir früh um 1/2 7. Es ging sehr gut. Wir fuhren weiter bis Wenden, wo wir frühstückten und auch Mittag aßen. Um 1/2 1 Uhr fuhren wir weiter und kamen bis Ummern, es liegt etwas abseits von der Straße.
Dort kamen wir in der Schule unter. Wir aßen zum Abendbrot Bratkartoffeln von rohen Kartoffeln, die sehr gut schmeckten. In der Schule war ein elektrischer Kochherd, Geschirr und Handwerkszeug durften wir unbesehen benutzen. Wir schliefen auf unseren Matratzen, die wir auf Schulbänke legten. Es ging sehr gut.
Überhaupt ist der Treck in dieser Jahreszeit eine erholsame Spazierfahrt. Wir begegnen heute verschiedenen Trecks, die uns aber entgegenkommen. Ein Treck war aus Ostpreußen, die Frau hielt uns an, sie war schon seit dem 22. 01. unterwegs und wollte nun nach Celle. Sie fuhr täglich 24 km. Ich denke, wenn alles gut geht, sind wir Mittwoch Nachmittag in Gülzow.
Euch Dreien und den Kindern herzliche Grüß
Eure Erika


Die 6-Rpf-Postkarte, abgestempelt in Emmendorf Kr. Uelzen, trägt den mahnenden Aufdruck:
Der Führer kennt nur Kampf, Arbeit und Sorge.
Wir wollen ihm den Teil abnehmen,
Den wir ihm abnehmen können.


An Hand dieser Information, die am Ostersamstag (31.3.1945) in Goslar eintrifft, lassen sich zumindest einige Etappen des Treckwagens ungefähr rekonstruieren:

Die Flucht der Fischer von MollardsSamstag, 24. März 1945
Abfahrt in Goslar am Abend nach Gülzow

Bis Braunschweig-Mitte sind es von der Wallstraße in Goslar rd. 47 km, von Braunschweig-Mitte bis Wenden weitere rd. 9 km. Mit rd. 56 km ist die erste Etappe (nachts gefahren) demnach noch etwas länger als die von Biegen nach Herzfelde - eine absolut stramme Leistung.

Sonntag, 25. März 1945
Ankunft in Wenden am frühen Vormittag

In Wenden wird ausgiebig gefrühstückt und Mittag gegessen. Sicherlich denkt Mutter auch intensiv an ihre Tochter Edeltraut, die heute ihren 12. Geburtstag feiert, zumindest begeht.
Die Pferde haben schätzungsweise 4 Stunden Rast, denn bereits mittags, d.h. am hellen Tage, geht es weiter, und der Treck legt an diesem Sonntag noch weitere rd. 36 km zurück, bevor er abends in Ummern, nordwestlich von Gifhorn gelegen, ankommt. Demnach haben die Pferde innerhalb von rd. 24 Stunden mehr als 90 km zurückgelegt!

Montag, 26. März 1945
Start von Ummern nach Kirchweyhe

Offenbar fährt der Treck erneut bei Tageslicht, nachdem man noch schnell eine „Erbssuppe“ in der Schule gekocht hat – diesmal hoffentlich mit gequollenen Erbsen! Von Ummern sind es noch knapp 120 km bis Gülzow. Das entspricht etwa der Entfernung von Tirschtiegel nach Fürstenberg/Oder.
Während im Januar der Treck bei Tiefsttemperaturen um die – 20 Grad auf den schneeglatten, überfüllten Straßen für diese Distanz 6 Tage benötigt, will Mutter heute diese Entfernung „bis übermorgen Nachmittag“ bewältigt haben – kein Wunder, daß sie sich auf einer „erholsamen Spazierfahrt“ fühlt. Ab jetzt müssen wir über die weiteren Abschnitte spekulieren: Bringt man eine große Etappe von 53 km in Ansatz, könnte der Treck am Abend dieses Montages Kirchweyhe, nördlich von Uelzen, erreicht haben.
Es spricht einiges dafür, denn Mutters Postkarte trägt den Poststempel von Emmendorf, das in unmittelbarer Nachbarschaft von Kirchweyhe liegt.

Dienstag, 27. März 1945
Start in Kirchweyhe nach Bardowick

Für den heutigen Tag - Tagesfahrt einmal unterstellt – können wir eine Etappe von rd. 40 km annehmen, denn der Treck erreicht am Abend nördlich von Lüneburg Bardowick, wie sich Ekki erinnert, und verbringt dort die Nacht.

Mittwoch, 28. März 1945
Start in Bardowick nach Gülzow

Von Bardowick führt der Weg der heutigen B 209 folgend über Artlenburg nach Lauenburg, dort über die noch intakte Elbbrücke und auf der steilen Straße hinauf auf das Hochufer. Die braven Pferdchen haben alle Mühe, den Wagen hinaufzuziehen, wie Ekki noch heute weiß. Schließlich erreicht der Treck nach einer Tagesetappe von gut 25 km über Juliusburg das Schloß in Gülzow. Wir können davon ausgehen, daß Mutters Prognose eingetreten ist und der Treckwagen am heutigen Tag in den Nachmittagsstunden Gülzow erreicht hat.
Bis auf Vater, der erst am 9. Juli aus britischer Gefangenschaft in Gorleben entlassen und am gleichen Tag zu uns stoßen wird, ist nun die komplette Familie gesund in Gülzow angekommen und wird hier unter schwierigsten Bedingungen, aber zweifellos mit Gottes Segen, den Aufbau einer neuen Existenz beginnen.
Über diesen Prozess legen die Briefe Zeugnis ab, die Vater und Mutter, aber auch wir Kinder in den nächsten Jahren an die Großeltern in Goslar schreiben werden und die zumindest aus den ersten Nachkriegsjahren im Wesentlichen vollständig erhalten sind.
Sie sind eine empfehlenswerte Lektüre für alle Generationen! Zugleich aber sind sie auch eine Chronik der unendlichen Liebe und Opferbereitschaft, die Vater, Mutter und Anni ihren sieben Kindern haben angedeihen lassen.

Zusammenfassung unseres Fluchtberichtes
Hier sei ein letztes Dokument aus dem Jahre 1945 angeführt, das sich in Kopie in Brunfriedes Unterlagen befindet. Opa v. Roëll schreibt im Dezember an Julius Draber, einem ehemaligen Revierförster unseres Vaters, „was sich seit Ende Januar zugetragen hat“. Er erzählt Details, die heute nicht mehr erinnert werden, z.B. die Tatsache, daß Vater nach unserer Flucht für wenige Stunden in Goslar aufgetaucht ist. Der Brief ist zugleich ein hochinteressantes Zeugnis dafür, wie unmittelbar nach Kriegsende der Informationsfluß funktioniert – Gott sei Dank ohne Telefon, so daß wir heute die Berichte noch lesen können, wie z.B. diesen vom Großvater:

Goslar, den 4. Dezember 1945

Lieber Herr Draber!
Das war eine große Freude für uns, als ich soeben ein Lebenszeichen von Ihnen vom 11. November erhielt, für das ich Ihnen bestens danken möchte. Da Sie noch nichts von den Ihrigen gehört haben, so beeile ich mich, Ihnen umgehend Ihre Zeilen zu beantworten.
Zunächst für Sie die Hauptsache, daß Ihre nächsten Angehörigen, von denen ich etwas weiß, also Ihre Frau, Karl und Schwester Grete in der Gegend von Perleberg leben, ebenso auch alle unsere nächsten Angehörigen. Von Herrn Barth erhielten wir die letzte Nachricht vom 19. Juli aus dem russ. Gefangenenlager Landsberg/Warthe, er war damals gesund und hoffte, bald entlassen zu werden, aber weitere Nachrichten blieben bisher leider aus.
Heute werde ich nun sofort Herrn Liebig (Wilhelm Liebig bei Otto König in Pirow über Perleberg, Kreis West-Prignitz) und unserem Schwiegersohn Gerd F.v.M. in Gülzow über Lauenburg a.d.Elbe, Ihre Anschrift und den Inhalt Ihres Schreibens mitteilen, damit diese sich auch darüber freuen und Herr Liebig Ihren Angehörigen Mitteilung über Sie machen können. Tepper und Reimann befinden sich bei unseren Kindern in Gülzow, während ihre Familien sich bei Herrn Liebig aufhalten. Und nun will ich Ihnen der Reihenfolge nach erzählen, was sich seit Ende Januar zugetragen hat.
Am Sonnabend, dem 20. Januar, wurden in Tirschtiegel 2 Plateauwagen mit Teppichen überspannt und ein Kastenwagen als Gepäckwagen für den Treck vorbereitet. Am Dienstag, dem 23. Januar, fand auf dem Marktplatz zu Tirschtiegel noch eine große Kundgebung statt, wobei vom Bürgermeister und anderen Naziführern gesagt wurde, es läge keinerlei Veranlassung für irgendwelche Besorgnis vor, jeder sollte seiner Arbeit nachgehen usw
Mit anderen Worten, jeder sollte abwarten, bis er totgeschlagen würde, denn jeder denkende Mensch mußte sich sagen, daß bei diesem Tempo des russischen Vormarsches ein Aufhalten unmöglich war.
Unsere Tochter Erika wollte nun eigentlich auf diese Reden hin als Gutsherrin nicht ein schlechtes Beispiel geben und zunächst noch mit Ihrem Anhang in Tirschtiegel bleiben. Aber unser Schwiegersohn drang am Abend um 18 Uhr auf Abmarsch dieser 3 Wagen, während Herr Liebig für seinen Betrieb weitere 5 Treckwagen vorbereitete, denn sein Betrieb durfte die Arbeit noch nicht einstellen.
Als dann am Donnerstag, dem 25. Januar, Tirschtiegel bereits beschossen wurde, da rückte auch Herr Liebig in der Nacht mit seinem Treck um 23.30 Uhr ab. Und als dieser dann am Morgen nach Meseritz kam, da wurde ihm dort gesagt, Tirschtiegel hat noch nicht den Räumungsbefehl, also sofort zurückfahren, was Liebig natürlich nicht tat.
An diesen wahnsinnigen Anordnungen sieht man wieder, mit welcher Kurzsichtigkeit und Rücksichtslosigkeit diese kleinen Prominenten Nationalvermögen und Volksgenossen ihrer sogenannten Weltanschauung opferten. Überall sind die Räumungsbefehle zu spät gegeben worden, und wer von Bürgermeistern pp. sich der Verantwortung für seine Mitbürger noch bewußt war und rechtzeitig ohne höheren Befehl abzuwarten räumen ließ, der mußte meist dies selbständige Handeln mit dem Tode bezahlen.
Durch Tirschtiegel waren schon viele Trecks aus dem Warthegau durchgekommen oder hatten dort übernachtet. Die meisten hatten dabei gesagt: Nicht zuviel Gepäck mitnehmen, damit nur unterwegs kein Wagenbruch vorkommen konnte.
Unsere Tochter Erika nahm auf die Mitfahrer so viel Rücksicht, daß sie noch von den Sachen ihrer Familie viel zurückpackte und dadurch weniger als ihre Mitfahrer mitnahm. Dazu kam auch noch, daß sie unter dem Einfluß der Reden stand, und die irrige Auffassung hatte, sie würde in wenigen Tagen nach Tirschtiegel zurückkehren.
Diesen Treck von 3 Wagen führte die Gutssekretärin, Frau Junge, und Fahrer waren Otto Paech und zwei zuverlässige Polen. Auf den beiden Wagen waren 28 Personen, darunter als einziger Herr Geheimrat Schmidt. Der Treck kam am 30. Januar nach Herzfelde bei Strausberg und löste sich dort auf. Auch der Treck von Liebig bestand zum größten Teil aus Frauen und Kindern, da die Männer wohl meist beim Volkssturm eingezogen waren. Und so waren wir um Karl in großer Sorge, was wohl aus ihm geworden sein würde.
Nun hörten wir durch Herrn Liebig, daß Karl auch in Pirow gelandet ist. Liebigs Treck war zuerst in Treuenbrietzen, zog dann aber wegen Überfüllung weiter nach Pirow. Dorthin kam dann auch im September Ihre Schwester Grete zum Besuch und wohnte bei einer Frau Lange, deren Mann einige Zeit bei Grete im Quartier gelegen hatte. Liebig ist dann im August auch in Berlin-Zehlendorf bei Wobschall und bei der Familie seines Schwagers in Treuenbrietzen gewesen. Die Familie Wobschall hat er gesund angetroffen, Liebigs Schwager und seine beiden erwachsenen Töchter sind aber von einer Bombe erschlagen worden, das Wohnhaus vollständig zerstört. Auf dem Wege nach Hause traf Liebig in Wittenberge Herrn Tierarzt Scheel und Frau, die bis 25.6. 45 in Tirschtiegel geblieben waren und über Tirschtiegel berichten konnten.

Das Schloß und die dazu gehörigen 6 Wohnungen sind abgebrannt, die Wirtschaftsgebäude sollen noch stehen. In Waldvorwerk soll ein ehemaliger Förster wirtschaften, wahrscheinlich Bursynski. Liebigs Schwäger Grunwald und Henkelmann sollen tot sein. Die Altstadt Tirschtiegel hat sehr gelitten. Scheel hat sich als Tierarzt in Bad Wilsnack, Kreis Westprignitz niedergelassen. Dort ist auch Figulla, der an einem Sägewerk Arbeit bekommen hat, und auch Bachmann. Ihre Frau und deren Mutter wohnen in der Nähe von Pirow, von Ihrem Schwiegervater fehlt Nachricht. Tepper liegt zur Zeit im Krankenhaus von Lauenburg/Elbe an Lungenentzündung. Er sieht schlecht aus, es geht ihm aber schon besser.
Der Geheimrat Schmidt hatte den Treck unserer Kinder nur bis Bottschow begleitet, von dort fuhr er mit der Bahn bis Berlin und schickte uns von dort eine Karte. So wußten wir, daß unsere Kinder gerettet waren, und am 2.2.45 kamen sie auch mit der Bahn von Berlin bei uns an, während Frau Junge im Fußmarsch mit dem Gepäckwagen, nun ein verdeckter Plateauwagen, drei Kutschern und 5 Pferden folgte.
Es kamen mit der Bahn also unsere beiden Töchter, 9 Enkel, Frl. Anni und Frau Oberin. Später kamen auch nach Goslar aus Tirschtiegel Schwester Martha und Frl. Tietze, die dann bei einer Schneiderin untergebracht werden konnten. Goslar hat nicht durch Bombenwurf gelitten und wurde am 10. April bei Annäherung der Amerikaner als Lazarettstadt übergeben und deshalb nicht beschossen, so daß Wasserwerk, Gas, Strom und Fenster heil blieben.
Unser Schwiegersohn Barth hatte den Befehl, sich einem viel zu spät in Marsch gesetzten Treck anzuschließen und sich dann in Gr. Born bei Neustettin zu melden. Als dieser Treck bis Elbing kam, waren dort bereits die Russen, der Treck nahm nun wieder die Marschrichtung nach Osten, darum verließ ihn unser Schwiegersohn, ging zu Fuß über das Frische Haff und dann auf der Nehrung nach Westen. Nach 2 Meilen wurde er von einem Militärauto überholt und nach Gotenhafen mitgenommen, kam von dort mit der Bahn bis Stolp und da er nicht mehr nach Gr. Born kommen konnte, so nahm ihn ein Auto bis Jüterbog mit. Seine dortige Behörde beurlaubte ihn bis 11.2.45 nach Goslar, so daß er überraschend an einem frühen Morgen bei uns eintraf, als die Tirschtiegeler noch nicht hier waren, die er hier dann gleich am 2.2.1945 begrüßen konnte. Als der 3-Wagen-Treck Tirschtiegel verlassen hatte, meldete sich unser Schwiegersohn F. v. M. bei der Wehrmeldestelle in Meseritz, die ihn nach Bobelwitz beorderte. Schließlich ist er mit dem Rade zu seiner Wehrersatz-Inspektion nach Frankfurt/Oder gefahren, die ihn dann nach Neuruppin versetzte.
Von dort traf er, auf 24 Stunden beurlaubt, am 9.2. 45 bei uns ein, und am selben Tag kam auch Frau Junge mit dem Gepäckwagen hier an. So waren wir am 10. Februar zu 18 Menschen bei uns. Und als die beiden Herren dann wieder abgereist und Frau Junge zu ihrer verheirateten Schwester nach Nordhausen gefahren waren, da blieben wir bis kurz vor Ostern täglich zu 15 Personen anstatt wie bisher zu 2 zu Tisch. Erfreulicherweise hatten wir damals gerade weiter keine Einquartierung, und Bekannte im Hause und Nachbarschaft halfen uns weiter bei der Unterbringung dieser 15 Personen.
Der Ernährung wegen hatte Erika an den Vetter Dietrich Fischer nach Gülzow geschrieben, ob er uns nicht mit Kartoffeln, Kohl und Rüben aushelfen könnte. Dieser kam dann mit seinem noch zugelassenen Auto und brachte das Gewünschte und lud Erika mit ihrem Anhang ein, der Ernährung wegen nach Gülzow zu ziehen. Er blieb 2 Tage und nahm dann Edeltraut und Adelhart auch gleich mit.
Er baute in Gülzow die Rentei aus, und kurz vor Ostern fuhren auf dem Gepäckwagen Erika mit ihrem Anhang, Schwester Martha und Frl. Tietze nach Gülzow. Letztere beiden sind im Dorf untergebracht, die anderen haben in der Rentei eine 4-Zimmer-Wohnung und Küche, die sie allerdings vorübergehend der Besatzung überlassen mußten.
Die beiden Polen sind von hier aus nach dem Osten gereist, und Otto Paech ist in Gülzow Futtermeister, während unser Schwiegersohn nach seiner Entlassung am 19.7. aus engl. Gefangenschaft dort Gespannführer ist. Auch Brunfriede und Adelhart arbeiten im Stall.
Pastor Schmidtke ist in Ostfriesland, er kam im Oktober nach Gülzow, um Brunfriede einzusegnen. Eduard u. Familie sind ebenfalls in Gülzow. Frau Junge ist am 4. April beim 2. Großangriff auf Nordhausen ums Leben gekommen, wie mir ihre Schwester schrieb.

Bei allem Leid und Unglück werden Sie wohl auch wie ich sagen: Es ist nur halb so schlimm, weil es doppelt so schlimm hätte sein können. –

Seien Sie freundlichst gegrüßt von meiner Frau, Tochter und Ihrem
gez. Bruno v. Roëll