Der Kaufmann Johann Jacob Volmer
Karl-Ludwig Vollmar

Ab Ende Dezember 2012 rief die polnische Regionalzeitung „Gazeta Lubuska“ auf ihrer Internetseite für Meseritz und Umgebung ihre Leser auf, sich zu dem Vorschlag zu äußern, den Platz um das Meseritzer Rathaus nach dem Tuchgroßhändler Johann Jacob Volmer (1752 – 1836) zu benennen. In der Nr. 204 des „Heimatgruss“ vom März 2013 erschien dazu bereits ein kurzer Beitrag. Mit dieser Umfrage griff die Zeitung eine Anregung von Schülern des Meseritzer Gymnasiums Nr. 2 aus dem Jahre 2003 wieder auf.

Ein Marktplatz für einen Menschenfreund
Gymnasiasten haben dem Bürgermeister vorgeschlagen, dass Johann Jacob Volmer Namenspatron für den Markt werden sollte – einer der hervorragendsten Meseritzer in der Geschichte der Stadt.
(Ausschnitt aus dem Internetartikel vom 3. März 2003)


In mehreren Artikeln informierte Redakteur Dariusz Brobek über das Leben und Wirken des J. J. Volmer und veröffentlichte Anfang Februar 2013 das Ergebnis der Umfrage: Von 627 Teilnehmern an der Abstimmung unterstützten 61,6 % den Vorschlag, 26 % waren dagegen, 7,3 % an dem Thema nicht interessiert, und 5.3 % hatten dazu keine Meinung.

Der Kaufmann Johann Jacob Volmer
Wer war dieser Johann Jacob Volmer, an den jetzige Meseritzer Bürger erinnern wollen?

Johann Jacob Volmer entstammt einem der ältesten urkundlich nachgewiesenen bürgerlichen Geschlechter im Sternberger Land. Die älteste Urkunde für einen Vollmar, die sich zeitweise auch Volmar oder Vollmar schreiben, erteilt der Johanniterorden, dem große Teile des Sternberger Landes gehören, im Jahre 1497. Darin belehnt der in Sonnenburg residierende Herrenmeister Georg von Schlabrendorff einen Tewes Volmar mit einer Zeidelheide (Bienenweide) südlich von Zielenzig. 1560 wird dessen Sohn Baltzer Volmer mit dem Schulzenamt und Niedergericht zu Burschen belehnt, nach ihm auch alle seine erbberechtigten männlichen Nachkommen der folgenden sieben Generationen bis zur Enteignung des Ordensbesitzes durch den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1811. Danach bleibt die Wirtschaft als Lehngut bis 1945 weiter im Besitz der Familie Vollmar.

Mit dem Lehnbrief vom 18. April 1628 werden die noch unmündigen vier Söhne des verstorbenen Burschener Lehnschulzen Jacob Volmar gemeinsam belehnt:

„[...] bis Sie zu ihren Jahren kommen unnd einer Unter ihnen zum besitz des Lehenns gelanget, [...] “. „[...] . Nachdem Unser Schultz zue Burßenn Jacob Volmar mit Tode abgegangen, das wir seinen hinterlaßenen Unmündigen Söhnenn, Christof, Jacoben, Hansenn, und George Volmarnn gebrüdern und ihren Männlichen leibes Lehens Erbenn ...“
Ausschnitt aus dem Lehnbrief vom 18. April 1628

Der Kaufmann Johann Jacob Volmer


Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648) übernimmt Christof, der älteste Sohn, nach Erbvergleich mit seinen jüngeren Brüdern das Schulzenamt in Burschen.
Jacob, der 2. Sohn, wird Tuchmacher und lässt sich im nur zwei Meilen entfernten Meseritz nieder. Er begründet damit den Meseritzer Zweig der Familie Vollmar, die in den folgenden vier Generationen als Tuchmacher und Tuchhändler großen Anteil an der Entwicklung der Stadt zu einem Zentrum der Tuchmanufaktur und des Tuchhandels hat. Martin Christof Volmer (1727 – 1820), einen Urenkel des ersten Meseritzer Volmer, Ratsherr auf Lebenszeit, bestimmt der Starost von Meseritz in der Zeit von 1766 bis 1786 insgesamt elfmal für je ein halbes Jahr zum Bürgermeister. Johann Jacob Volmer ist der älteste Sohn des langjährigen Bürgermeisters.



Der Kaufmann Johann Jacob VolmerAnläßlich seines 100. Todestages erinnert die Märkisch-Posener Zeitung in ihrer Ausgabe vom 30. Mai 1936 in einem mehrspaltigen Artikel an den verdienten Bürger der Stadt:


Ein Königlicher Kaufmann in Meseritz
Zum hundertsten Todestage Johann Jacob Volmers
Von Maria Matthias, Meseritz

Der Mann und sein Schaffen
Johann Jacob Volmer ward in Meseritz am 6. September 1752 geboren. Wenig wissen wir über seinen Lebenslauf! Blicken wir jedoch auf sein Schaffen, so erwächst vor uns eine Persönlichkeit von starkem Mannesmut, von tiefem Christenglauben und lebendiger Nächstenliebe. Sein Bilnis zeigt uns ruhige Entschlossenheit und Klugheit, die sich in seinen klaren Augen mit den starken Braunen, in seiner geraden Nase, dem festen Munde und dem kräftigen Kinn ausdrücken. Unser Volmer war Tuchmacher, wandte sich aber mehr und mehr dem Tuchhandel zu. Über das Tuchmachergewerbe hat *Becker in der Stadtgeschichte erschöpfend berichtet. Hier seien des Zusammenhanges halber nur einige Punkte erwähnt. Die erste Gerechtsame der Meseritzer Tuchmacher geht auf das Jahr 1577 zurück, doch ist die Zunft älter, denn schon vor 1485 kämpften sie um ihr Absatzgebiet. Im dreißigjährigen Krieg bekam auch Meseritz wie andere Randstädte der Provinz einigen Zuzug an Tuchmachern in den Evangelischen, die ihres Glaubens wegen aus Schlesien flüchten mußten.

Volmers mutvolle Persönlichkeit, sein Weitblick und sein außerordentliches Fachkönnen wirkten zusammen, um das Tuchgewerbe in Meseritz und in seiner näheren und weiteren Umgebung [...] auf einem hohen Stand zu halten. Die Lage von Meseritz am Knotenpunkt der alten Handelsstraße von Berlin über Frankfurt, Posen, Moskau bis in den Fernen Osten und der von Breslau nach Stettin, sowie der Einmündung des alten Handelsweges von Dresden und Leipzig gab ihm den Gedanken ein, Meseritz zu einem großen Tuchstapelplatz zu machen. Wenn tatsächlich damals unsere Heimatstadt einer der osteuropäischen Mittelpunkte des Tuchhandels wurde, so verdanken wir es allein diesem Manne. In dem amtlichen Bericht, der 1790 nach der Besitzergreifung durch Preußen über den Stand des südpreussischen Tuchgewerbes an König Friedrich Wilhelm II. ging, wird Volmer vielfach rühmlich erwähnt. Als von der „Genauigkeit und Strenge der Tuchhändler“ in bezug auf die Güte der Tuche die Rede ist, heißt es: „In diesem Punkte zeichnet sich besonders Volmer in Meseritz aus.“ Unter den drei dem Könige als Vertrauensleute der ganzen Provinz vorgeschlagenen Tuchmachern und Tuchhändlern war er denn auch der erste. Durch seinen geraden ehrlichen Kaufmannssinn und seine große Sachkenntnis stand Volmer bei seinen Kunden, den Lieferern und den russischen Abnehmern, in hohem Ansehen. Er war es, der dem Meseritzer Tuchhandel nach Rußland die Wege gewiesen.

Wir haben Mitteilungen darüber, daß jährlich für ein bis anderthalb Millionen Taler Tuche nach Rußland gingen, wovon der größte Teil nach China geschafft und auf der Messe zu Kiachta (Kjachta, Stadt in Burjatien (Russland)) von den Chinesen gegen Tee eingetauscht wurde. Die Städte Brätz, Tirschtiegel, Birnbaum, [...], Zielenzig, Schwiebus, Züllichau, Grünberg und andere brachten ihre Rohtuche nach Meseritz, wo sie gefärbt und fertig gemacht wurden. Die russischen Großhändler holten die Tuche selbst ab. Ganze Karawanen russischer Fuhrleute hielten sich wochen-, ja monatelang in der Stadt und den umliegenden Dörfern auf, um auf die Tuche zu warten. Das Kaufgeschäft mit den Russen scheint sich hauptsächlich in dem schon oben erwähnten Haus der „Deutschrusischen Tuchkompanie“ abgespielt zuhaben, und es ist nicht unmöglich, daß Volmer der Begründer der Gesellschaft war. Das Haus war zugleich Stapelhaus, auf dem großen Hofe verlud man die Tuchballen auf die russischen Planwagen.

Nicht nur Tuchmacher, sondern alle damit zusammenhängenden Handwerker, wie Färber, Walker, Tuchscherer, Tuchbereiter und andere hatten durch die Rührigkeit Volmers ihr gutes Brot. Von den Anlieferern und den russischen Kauf- und Fuhrleuten blieb manches Goldstück, mancher Silberling am Orte hängen, wodurch auch alle anderen Erwerbzweige zu Wohlstand kamen. Allgemein bekannt ist es, daß man in China nur solche Tuche abnahm, die eine Bleikapsel mit der Bezeichnung „J.J.V. Meseritzkoje“ trugen. Wenn auch Meseritzer Tuch seit mehr als 100 Jahren nicht mehr nach China gelangt, so hat sich dessen guter Ruf bis in die Neuzeit erhalten. Vor dem Weltktriege handelte man, wie einwandfrei feststeht, gutes deutsches Tuch nur unter dem Namen Meseritzkoje, und ein deutscher Forscher, der nach dem Kriege Sibirien bereiste, fand dort die gleiche Bezeichnung.

Bis in das 19. Jahrhundert hinein dauerte die Blüte des Meseritzer Tuchhandels. Das gesamte Tuchgewerbe mußte schließlich erlahmen infolge der russischen Zollpolitik und durch die Sperrung der russischen Grenzen für fremde Tuche im Jahre 1822.

1798/99 baut sich Johann Jacob Volmer an der Ostseite des Marktplatzes ein repräsentatives Haus. Das Haus existiert nicht mehr. Die gesamte Ostbebauung des Platzes wird Ende des 2. Weltkrieges zerstört, und die Ruinen werden später abgeräumt. Die Meseritzer bezeichnen Volmers Haus bald als „Napoleonhaus“, weil Napoleon I. mit seinem Gefolge darin am 26. November 1806 auf seinem Zuge nach Warschau übernachtet. Auf die Ereignisse um den Aufenthalt Napoleons in dem Volmerschen Hause geht die die Märkisch- Posener Zeitung ausführlich ein, insbesondere auf das im letzten Augenblick verhinderte Attentat auf den französischen Kaiser: Fast wäre das Volmersche Haus zum Unglückshaus geworden! Am 27. November standen alle französischen Truppen aus Meseritz und Umgebung — schätzungsweise 8- bis 10.000 Mann — auf dem Markte. Des Kaisers Kutsche wartete schon vor der Tür. Da trat der Kaiser auf die Freitreppe, um seine Soldaten zu grüssen. Aus einem Gemach des dicken Rathausturmes, der seitlich nach Osten an das Rathaus angebaut und der nur 30 Schritt von der Treppe entfernt war, hatte der Meseritzer Steuerrat Sprengepiel auf Napoleon angelegt. Die Büchse war von Maurermeister Buttel geliehen, der ihm, nichts Gutes ahnend, nachgeschlichen war. Im rechten Augenblick noch konnte Buttel die Büchse zur Seite schlagen! Schlimmes Unheil wurde so von der Stadt abgewendet.

Der Vorschlag, den Meseritzer Markt nach dem Tuchgroßhändler zu benennen, hat wohl noch einen weiteren Grund. J. J. Volmer brachte es mit seinem Tuchhandel zu Reichtum, gewann aber auch hohes Ansehen durch seinen Gemeinsinn und seine Grosszügigkeit.

Johann Jacob Volmers Gemeinsinn
Durch den umfangreichen Tuchhandel war Volmer, der mit 2.000 Talern angefangen, selbst zu großem Vermögen gelangt. Für ihn persönlich war das ohne Bedeutung, er fühlte sich nur als Sachwalter und teilte aus, wo er nur konnte. Die Grundlagen seines Charakters wurden schon gezeigt. Auf seinem Denkmal, das ihm seine Verwandten errichtet, werden seine Gottesfurcht und seine Menschenliebe betont. Die Gedenktafel in seinem Hause weist auf seine Redlichkeit und Treu, seine Geradheit und Einfachheit, seinen kirchlichen Sinn und sein frommes Wohltun hin. Für die Armen gab er monatlich eine bestimmte Summe und fuhr ihnen im Winter Holz vor die Tür. Daneben gab er, wo er nur Not sah. Überall suchte er zu stützen. Gelegenheit fand er reichlich in den schweren Nöten unserer Heimatstadt. Von der Franzosenzeit, die durch Einquartierung und Kriegsabgaben schwer auf der Bevölkerung lastete, war schon die Rede. Keiner verließ ihn ohne Rat und Hilfe. Im Verein mit seiner Tochter Anna ging er an die Nöte des Einzelnen heran.
„Hier ruht ein gutes Herz, beweint von jedermann,“ lesen wir auf Anna Volmers Grabmal. Die Umgegend litt nicht minder.

„Wenn damals der Kaufmann Volmer in Meseritz nicht mit seinen reichen Geldmitteln ausgeholfen hätte, wären gewiß Bobelwitz und Politzig den alteingesessenen Familien verloren gegangen,“ lesen wir in der Geschichte des Kirchspiel Politzig. Bis 1815 drückten die ungeheuren Kriegsabgaben. Da kam die russische Zollpolitik und schließlich die Grenzsperre und damit der Niedergang der Tuchmacherei. Volmer suchte zu halten, zu bessern! Immer wieder griff er ein, Zusammenbrechendes zu stützen. Zahlreiche Familien von Tuchmachern, Färbern usw. aus Meseritz und Umgegend zogen nach Russisch-Polen und fanden dort Arbeit und eine neue Heimat. Aber sie kündigten die Hypotheken in der alten Heimat. Noch drückender wurde die Not durch die großen Stadtbrände von 1824 und 1827! Nach dem Brande 1827 mußte nicht nur dem Einzelnen geholfen werden, auch die evang. Kirche, die Pfarr- und Schulhäuser lagen in Asche. Volmer gab sofort für den Kirchbau 500 Goldstücke, dann noch einmal 520. Und oft, oft tat er seine Hand auf, wenn der Neubau aus Mangel an Mitteln ins Stocken geriet. Auch den anderen öffentlichen Bauten lieh er tatkräftigen Beistand.

Für die Gemeinde Pieske war er von großem Segen. Er hatte im Jahr 1816 das Gut Pieske erworben, behielt aber seinen Wohnsitz in Meseritz. Das Gut hat er durch Bauten sehr verbessert, auch drei Arbeiterhäuser errichtet. Das Kirchenvermögen hat er bedeutend vergrößert. Er half über sein Grab hinaus. Das Gut erbte von ihm sein Neffe Karl August Schroeder. Dadurch war es diesem möglich, mit der Gemeinde zu einem Neubau der Kirche zu schreiten. In der Kirche zu Pieske hängt gleichfalls Volmers Bildnis. Johann Jacob Volmer stirbt am 31. März 1836 im 84. Lebensjahr. Mit ihm erlischt der Meseritzer Zweig der Familie Volmer/Vollmar. Seine Frau verliert er bereits 1784, seine beiden Töchter 1784 bzw. 1824.