Vertreibung ist Unrecht
Norbert Tarsten


Je älter man wird, umso mehr erinnert man sich an seine Kindheit. Die Frage nach der Herkunft wird nicht nur wichtig, sie ist präsent, den Alltag bestimmend.
Nach 70 Jahren stehen Bilder vor Augen, klingen Schreie, Rufe, unklare Töne wieder an. Alles verlangt nach einer Auseinandersetzung bzw. Klärung dieser Phänomene menschlichen Daseins. Der Krieg tobte mit allen barbarischen Varianten. In der letzten Phase war er nicht frei von Planungen für die Zeit danach. Rachegefühle sind stark. Sollten sie schon vor 70 Jahren dominierend werden? Wir merken auch in der Gegenwart, wozu sie führen. An einige Vorgänge von damals möchte ich mich erinnern, denn sie waren entscheidend für Schicksale von Millionen.

Die Vertreibung der Deutschen im Osten und aus der Mitte Europas ab 1945, ihre Enteignung, waren Unrecht, und dieses kann auch mit der Zeit nicht Recht werden. Die Behauptung, den deutschen Vertriebenen sei mit der Enteignung ganz recht geschehen, der hat von Recht und Gesetz wenig verstanden. Die Nachahmung der Vertreibung als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele ist leider gängige Praxis auch in unserer Zeit. Man kann und darf ein Unrecht nicht mit einem anderen Unrecht vergelten. So sieht es heute die Mehrheit der Mitgliedsstaaten der UN. Die große Mehrheit der Vertriebenen nach 1945 waren völlig unschuldige Menschen, solche, die von Politik keine Ahnung, bzw. denen sie gleichgültig war, aber auch Gegner des Nationalsozialismus, Sozialdemokraten, im Glauben gefestigte Menschen. Auch Greise sowie Kinder und Jugendliche waren von den Maßnahmen der Vertreibung betroffen.

Wie sieht aber heute die Debatte um die deutsche Vertreibung aus? Deutsche Historiker konzentrieren sich darauf, wie man die Vertreibungen darstellen und erinnern, weniger woran erinnert werden soll. Sichtbar empört über eine derartig lasche Vorgehensweise deutscher Bedenkenträger zeigt sich der Ire Ray M. Douglas in seinem Werk „Ordnungsgemäße Überführung, Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg“.
Im ersten Kapitel „Der Planer“ beschäftigt er sich mit der Rolle des tschechoslowakischen Präsidenten Edward Benes. Dieser erwartet vom Ausgang des Krieges eine Gelegenheit, ein nationales Projekt der „Säuberung“ des slawischen Staates von Deutschen und Magyaren als gegeben.
Ein Mittel zur Lösung des Minderheitenproblems durch Massenvertreibungen? Dieser Plan war allerdings nur mit Unterstützung der Alliierten realisierbar. Politische Eliten in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten plädierten bereits 1948 für die Vertreibung, schon um künftige Konflikte zu vermeiden. Anhand zahlreicher Querelen widerlegte Douglas die Legende, die Westalliierten hätten nur widerwillig die Vertreibung zur Kenntnis genommen und auf humane Durchführung bestanden. Die drei Mächtigen divergierten zwar in ihren Zielvorstellungen, aber sowohl Stalin wie Churchill und Roosevelt sahen in der Vertreibung eine Komponente der gewünschten Veränderungen nach dem Kriege. In einer Rede vor dem Unterhaus am 15. Dezember 1944 läßt Churchill einen Sinneswandel erkennen und nannte die Umsiedlung „das befriedigendste und dauerhafteste Mittel“.

Es mußte dem britischen und amerikanischen Entscheidungsträger bewußt gewesen sein, daß die Vertreibung von 12 bis 14 Millionen Menschen logistisch nicht zu bewältigen war, aber die humanitäre Katastrophe mit Hunderttausenden von Toten nahm man in Kauf. Für sie stand die Kollektivschuld bereits fest. Die brutale Durchführung der Zwangsumsiedlungen sahen sie als entschuldbar an. Für die Vertreibungsstaaten sollte es auch eine „Entladung der Rachegefühle“ für die Kriegserfahrungen sein.
Welche Gedanken kommen einem Mitteleuropäer Anfang des 21. Jahrhunderts in den Sinn, wenn er an die Geschichte der deutsch-slowakischen Beziehungen denkt? Man nehme die Stimme des verantwortlichen Politikers aus dem deutschen Siedlungsgebiet der Karpaten.
Der Minister für auswärtige Angelegenheiten der slowakischen Republik Mikulas Dzurinda empfahl 2011 einen wahrhaftigen Blick auf die Geschichte des eigenen Volkes zu werfen, als Voraussetzung für eine nachhaltige Zusammenarbeit in Europa. Die Geschichte könne man nach dem Verständnis des Ministers nicht rückgängig machen. Der Geschichte muß man in die Augen schauen und die eigenen Fehler eingestehen. Der Zweite Weltkrieg brachte zwar eine Unterbrechung der Kontinuität guter Beziehungen zwischen der slowakischen Mehrheit und der deutschen Minderheit in der Slowakei.

Die Geschichte der Karpatendeutschen trägt eine wichtige Botschaft: und zwar die vom gegenseitigen Respekt und des einvernehmlichen Zusammenlebens der Mehrheitsbevölkerung und der nationalen Minderheit, wobei sich die nationale Identität mit der bürgerlichen Loyalität ergänzen und bestärken. Das erste demokratische gewählte Parlament der Slowakei nach dem Zweiten Weltkrieg hat in einer Erklärung 2011 das Prinzip der kollektiven Schuld verurteilt und im Namen des slowakischen Volkes sein Bedauern über den Verlust der deutschen Mitbürger zum Ausdruck gebracht. Den Karpatendeutschen wurde die Hand zur Versöhnung gereicht, die auch genommen wurde. So kann sich ein gedeiliches Zusammenleben in Europa entwickeln.

Der Zweite Weltkrieg und damit auch die Verbrechen, die im deutschen Namen begangen worden sind, sie waren nicht die Ursache für die Vertreibung, wie oft rechtfertigend behauptet wird, sondern der Anlaß für die Möglichkeit der Vertreibung. Der historische Kontext ist wichtig. Er beginnt aber nicht erst 1938 oder 1939. Die Ursachen sind komplexer und reichen zum Teil ins 19. Jahrhundert. Der Slawenkongreß 1818 in Prag legte gewissermaßen die Route für die Selbstbestimmung der Slawen in einem eigenen Staate vor.

Erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, als Polen sein Staatlichkeit neu erlangte und die Tschechoslowakei gegründet worden war, forderten die Polen auf der Pariser Friedenskonferenz1919 große deutsche Gebiete bis zur Oder- Neiße-Linie.
Es kam zu Protestaktionen der deutschen Bevölkerung in den Grenzgebieten, denn 11 Gemeinden des Kreises Meseritz wurden dem polnischen Staat zugeschlagen. Den polnischen Opfern der damaligen Auseinandersetzung wurde nach 1915 auf dem alten katholischen Friedhof in Meseritz eine Ruhestätte gewidmet. Über die Rolle der katholischen Kirche in dieser Auseinandersetzung soll hier nicht die Rede sein.
In den Jahren 1919 – 1939 gab es zahlreiche Entgleisungen in der polnischen Presse. Nur eine Stimme sei hier angeführt, und zwar die unter Leitung des Generals Pilsudski im „Mocarstwowiec“ 1930.
„Wir sind uns bewußt, daß der Krieg zwischen Polen und Deutschland nicht vermieden werden kann. Unser Ideal ist, Polen mit den Grenzen an der Oder im Westen und der Neiße in der Lausitz abzurunden und Preußen vom Pregel bis zur Spree einzuverleiben. In diesem Krieg werden keine Gefangenen genommen. Es wird kein Platz für humanitäre Gefühle sein.“
Viele Straßen und Plätze im heutigen Polen tragen den Namen des Generals. Seitens des tschechischen Außenministers gab es schon 1918 Hinweise auf Vertreibungsabsichten. Noch vor dem Münchener Abkommen 1938 hat Benes in Gesprächen bei Stalin, Churchill und Roosevelt für den „Transfer“ einer großen Zahl von Sudetendeutschen geworben. Politiker beider Länder war die Schaffung eines nationalen Staates ohne Minderheiten ein zentrales Ziel und Anliegen.Auf der Potsdamer Konferenz (17.07. - 02.08. 1945) verfügten die Alliierten die Neuordnung Deutschlands und legten auf Druck Stalins die Ostgrenze Deutschlands entlang der Oder-Neiße-Linie fest. Die bisherigen Gebiete östlich dieser Linie wurden unter polnische Verwaltung bzw. sowjetische gestellt; die endgültige Festlegung der Ostgrenze wurde bis zu der Friedenskonferenz zurückgestellt. Diese fand noch nicht statt.

Viele Millionen Menschen verloren schlagartig ihre Heimat in den Ostgebieten, ca. 114.000 qkm gingen unter fremde „Verwaltung“. Menschen, die bisher noch nicht geflohen waren, erwartete nun ein grausames Schicksal. Mit wenig Gepäck ausgestattet, mußten sie Haus und Hof verlassen und wurden in eine ungewisse Zukunft gen Westen getrieben. Etwa 2 Millionen Menschen, darunter Kinder, Alte und auch zahllose Frauen überlebten die katastrophalen Umstände der Vertreibung nach 1945 nicht. Viele verhungerten unterwegs. Unzählige Frauen wurden Opfer von Vergewaltigungen, Hunderttausende andere wurden von der Roten Armee nach Sibirien verschleppt. Nur weige überlebten den Gulag. Zigtausende Zivilisten wurden in Zwangslagern teils bis 1950 interniert, wie zum Beispiel in Potulice / Potulitz bei Bromberg oder im berüchtigten Lager Postelberg in Böhmen, wo im Juni 1945 ca. 2500 deutsche Zivilisten exekutiert wurden.

Für die zahllosen Opfer der Vertreibung, die an der Straße liegen blieben, hat noch kein politischer Repräsentant unseres Landes auch nur eine Kerze angezündet. Einseitige Berichte über Obrawalde bei Meseritz bis einschließlich 1945 sind bekannt. Grausame Folgen des Entzugs von Lebensmitteln fanden auch anderswo im Kreise statt. Wer holte wohl die Leichenteile von den Bäumen an der Eisenbahnstrecke Betsche – Politzig im Frühjahr 1945? Fanden sie eine Ruhestätte? Wo? Offiziell ruhten zu diesem Zeitpunkt schon die Kriegswaffen. Die Rote Armee hatte weitgehend die Verwaltung der besetzten Gebiete an die polnische Seite übertragen. Eine zivile Verwaltung wurde langsam aufgebaut. Ab 18. Mai 1945 hatte z.B. der Bahnhof in Meseritz bereits einen polnischen Vorsteher. Die polnische Armee verkündete am 26. Juni 1945 einen Befehl, in dem es hieß:
„Es ist ein historischer Tag in der Geschichte Polens gekommen, der Hinauswurf des germanischen Ungeziefers aus den seit Jahrhunderten polnischen Gebieten. Jeder Soldat muß sich darüber im Klaren sein, daß er heute eine geschichtliche Mission erfüllt, auf deren Verwirklichung Generationen gewartet haben“.

Wie der Chronist der Nachkriegszeit Stefan Cyraniak ermittelt hat, wurden in den Monaten Juni – Juli 1945 aus der Stadt und dem Kreis Meseritz 12.000 Personen der deutschen Bevölkerung in Gebiete jenseits der Oder ausgesiedelt. Gleichzeitig strömten Siedler aus Ost- und Zentralpolen ein, um den deutschen Besitz zu übernehmen. Obwohl seit dem Jahr der Vertreibung , oder wie man damals sagte: der Ausreise, Umsiedlung, Repatriierung sieben Jahrzehnte vergangen sind, bleiben viele Fragen auf beiden Seiten offen. Von Versöhnung können nur Menschen „schwadronieren“, die geringe bzw. keine Kenntnisse von Fakten haben. Dabei spielen auch mentale Unterschiede eine Rolle.
Wer aber die Vergangenheit nicht kennt, kann wohl nur über sehr große Anstrengungen eine Verständigung zugunsten der gemeinsamen Zukunft anstreben und dann auch gestalten. Anzeichen gibt es bereits. Das dürfte besonders die Träger und Förderer dieser Bestrebungen beflügeln und zum Weitermachen ermutigen. Nur zaghaft wurde der Versuch der neuen Urteilsfindung des polnischen Historikers Jan Josef Lipski nach 1981 verbreitet, der folgende Deutung vornahm: „Das uns angetane Böse, auch das größte, ist keine Rechtfertigung und darf auch keine sein für das Böse, das wir selbst anderen zugefügt haben.“ Die Jahre nach der politischen Wende – auch in Polen – haben noch viele andere Urteile hervorgebracht. Damit sind nicht nur die Einwände gegen das „Zentrum gegen Vertreibung“ in Berlin gemeint.

Unterschiedlich werden wohl auch die Aspekte des Gedenkens an die Ereignisse vor 70 Jahren sein. Erinnerungskultur kann verschiedene Facetten annehmen. Wird man der Opfer beider Seiten von damals gedenken? Werden eventuell noch 30 Jahre vergehen, bis die Zahl 100 erreicht ist und die nachfolgende Generation ein Urteil in ihrem Zeitgeist fällt?